Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Die Verachtung

Vorarlberg / 27.12.2022 • 20:15 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Man braucht nur drei Sätze, um jemanden fertigzumachen. „Wenn ich Peter Altmaier treffe, isst er sehr viel und sehr schnell. Viel Eis, viel Pasta, viel Kuchen. Er wirkt auch danach noch hungrig.“ Diese Beschreibung stammt aus dem vor zwei Wochen erschienenen „Spiegel“-Porträt über den Politpensionär Peter Altmaier, den früheren Kanzleramtschef und Minister, eine der wichtigsten Personen in Angela Merkels Amtszeit. Das Porträt des jungen Journalisten Miguel Helm (seine Rolle als Journalistenschüler wird im Text auch thematisiert) soll nachzeichnen, wie „verzweifelt“ Altmaier nach der Politik eine neue Rolle suche – ein Text als einziger Untergriff.

Es geht in erster Linie nicht um die Politik Altmaiers oder ihre Auswirkungen auf heute, sondern um seine Essgewohnheiten, sein äußeres Erscheinungsbild und sein Privatleben. So holzschnitt-
artig kann man eine politische Persönlichkeit allerdings nicht nachzeichnen, nach der Lektüre bleibt wenig Erkenntnis und das unangenehme Gefühl, dass man hier jemanden vorführen will. Und auch nach der kritischen Aufarbeitung in „Übermedien“, dem renommierten deutschen Onlinemagazin für Medienkritik, bleibt die Grundfrage: Wie kann so ein Text im „Spiegel“ in dieser Form ohne das notwendige Redigat erscheinen?

Es ist ein prototypischer Text für die Entfremdung, die heute zwischen Politik und Medien spürbar ist. Man steht sich vielfach mit Unverständnis und Misstrauen gegenüber, der notwendige Dialog zwischen den Mitspielenden im politmedialen Komplex ist schwierig geworden. Der professionelle Umgang mit Nähe und Distanz und das Verständnis für die Rolle des anderen fehlt oftmals – man will oder kann nicht mehr in die Zeiten der alten Verhaberung zurück, hat aber oft noch keinen neuen, adäquaten Umgang miteinander gefunden.

Respekt? Fehlanzeige

Bei manchen Medienleuten drückt sich das mit gewagten Thesen aus – sie wollen besonders „edgy“, spitz sein, um aufzufallen. Wie im Fall des Porträts über Altmaier, dessen Machtverlust bitter gedeutet wird, obwohl er sich selbst aus der Politik zurückgezogen hat. Wenn man einen Politikmenschen bei aller Thesennotwendigkeit nicht mehr offen begleiten kann, ohne fixfertige Geschichte im Kopf, hat sich professionelle Berichterstattung erübrigt. Respekt, Empathie, Menschlichkeit – auch sie gehören neben dem kritischen Blick auf die Mächtigen zur medialen Arbeit.

Politik und Medien sollten sich jedenfalls damit beschäftigen, was wir gemeinsam gegen die Verachtung tun können, die zwischen unseren Berufsfeldern entstanden ist. Der Versuch, Orte und Wege für einen offenen Dialog abseits der getriebenen Alltagsarbeit zu finden, wäre vielleicht ein Anfang.

„Respekt, Empathie, Menschlichkeit – auch sie gehören neben dem kritischen Blick auf die Mächtigen zur medialen Arbeit.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.

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