„Droht uns ein Bruch, Herr Bischof?“

Vorarlberg / 30.12.2022 • 22:39 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Bischof Benno Elbs versteht die Angst der Menschen in Zeiten wie diesen, sieht aber auch viel positive Kraft.VN/Steurer
Bischof Benno Elbs versteht die Angst der Menschen in Zeiten wie diesen, sieht aber auch viel positive Kraft.VN/Steurer

Der oberste Kirchenhirte des Landes sieht diese Gefahr noch nicht.

Feldkirch Die Welt im Krisenmodus: Eine Unbill folgt auf die nächste. Existenzielle Ängste beherrschen das Leben vieler. Droht uns der gesellschaftliche Bruch? „Nein“, bekräftigt Diözesanbischof Benno Elbs, denn: „Es sind durch die Krisen auch Kräfte freigeworden, die wieder Hoffnung geben.“ Zum Erhalt von Solidarität und Miteinander brauche es aber ebenso die öffentlichen Meinungsträger.

 

Wie definieren Sie persönlich Hoffnung?

Elbs Hoffnung ist die innere stille Kraft, positiv und zuversichtlich in die Zukunft gehen zu können, verbunden mit der großen Überzeugung, dass es immer einen guten Weg gibt. Als Theologe verbinde ich damit aber auch einen transzendenten Aspekt, also das Wissen, dass zwar viele Dinge menschlich, organisierbar, machbar sind, ich aber damit rechnen darf, dass auch Gott in meinem Leben und in der Geschichte der Welt präsent ist. Gleichzeitig muss Hoffnung eine persönliche Begründung haben.

 

Es gab in diesem Jahr viele Ereignisse, die wenig hoffnungsvoll stimmen: Krieg, Teuerung, Inflation, die Pandemie. Würde es Sie wundern, wenn die Menschen langsam die Hoffnung verlieren?

Elbs Es wundert mich nicht, weil ich in vielen Gesprächen erlebe, dass die Menschen langsam müde werden, die Kraft verlieren, dass Hoffnung schwieriger wird. Krisen lassen Menschen verzweifeln, bringen sie an die Grenzen des Ertragens, andererseits haben diese Krisen viel Positives gebracht im Sinne von Solidarität und Zusammenstehen. Es sind also auch Kräfte freigeworden, die wieder Hoffnung geben.

 

Ist es nicht so, dass der Zusammenhalt langsam bröckelt, weil jeder um sein eigenes Hemd kämpft?

Elbs Das mag zum Teil so sein. Der erste Reflex ist natürlich, die Familie, das engste Umfeld zu retten, aber wir wissen, dass das nicht funktioniert, weil alles zusammenhängt: die Situation in der Ukraine, in Afrika, Flucht, Klima. Deshalb müssen wir uns bewusst für das Gemeinsame entscheiden. Das passiert nicht automatisch, und mein Wunsch ist der, dass auch die Meinungsträger in der Öffentlichkeit dazu beitragen, in Worten, im respektvollem Umgang miteinander. Was wir für die Zukunft brauchen sind stabile Strukturen und Gemeinschaften, die Sorge für Menschen in Notsituationen tragen.

 

Was kann die Kirche beisteuern?

Elbs Die Kirche kann Gottvertrauen vermitteln. Wir müssen nur in die Ukraine schauen, welch‘ große Kraft die Religion für die Menschen dort hat. Das Vertrauen in Gott ist etwas, das extrem stärkt. Auf dem Bild beim Wolf-Huber-Altar im Dom findet die Geburt Jesu nicht im Stall, sondern in einer Ruinenlandschaft statt. Das berührt mich sehr. In die Ruinenlandschaften des Lebens kommt Gott. Die Ruinen werden nicht beiseitegeschafft, sondern mit Hoffnung und Zukunft erfüllt. Dazu kommt die Nächstenliebe. Man darf nicht vergessen, dass etwa ein großer Teil der Flüchtlingsbetreuung durch die Kirche erfolgt

 

Auch die Klimakrise ist allgegenwärtig. Wie beurteilen Sie die Proteste der jungen Menschen?

Elbs Ich denke, wir alle, ich inklusive, haben den Ernst der Lage noch zu wenig verinnerlicht. Wir wissen theoretisch um die Gefahr, aber das Bewusstsein dafür ins Herz hineinzulassen, damit tun wir uns schwer, weil es eine konkrete Veränderung des Lebensstils bedeuten würde. Man sollte Proteste jedoch immer so abhalten, dass sie nicht etwas zerstören oder jemanden verletzen, weil dann genau das Gegenteil erreicht wird. Faktum ist aber, das Thema braucht unsere ganze Aufmerksamkeit, denn die Klimakrise ist meines Erachtens überhaupt die größte aktuelle Krise.

 

Was lässt Sie trotzdem hoffen?

Elbs Mich lässt hoffen, dass es doch Wissenschaftler und Staaten gibt, die die Problematik erkannt haben und versuchen, Maßnahmen zu setzen. Von der Klimakonferenz in Ägypten bin ich hingegen sehr enttäuscht, aber vom Prinzip her würde ich es mit Hölderlin halten, der einmal sagte: Wo die Gefahr groß ist, da wächst auch das Rettende.

 

Aber scheinbar sind Menschen nicht fähig, aus Krisen zu lernen.

Elbs Ich glaube schon, dass man aus jeder Krise lernen kann. Die Umweltkrise hat allerdings das Potenzial, eine zu werden, gegen die irgendwann weder ein Medikament noch Verhaltensänderungen helfen. Um das abzuwenden, braucht es die menschliche Anstrengung und das Gottvertrauen, dass die Dinge trotzdem einen guten Weg gehen.

 

Wie oft bekommen Sie die Frage gestellt, warum Gott so etwas zulässt?

Elbs Diese Frage höre ich sehr oft.

 

Was oder wie antworten Sie darauf?

Elbs Theologisch. Wenn Gott die Liebe ist, ist der Mensch frei. Die menschliche Freiheit ist etwas, das nicht in der Verfügbarkeit Gottes liegt, weil er die Liebe ist. Krisen sind die Konsequenz menschlichen Verhaltens und seiner Freiheit. Gott macht sich jedoch nicht aus dem Staub, wenn es mir schlecht geht, sondern ist mittendrin in der Ruinenlandschaft meines Lebens. Das zeigt sich durch Solidarität, Miteinander und Liebe.

 

Gehen Sie, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, hoffnungsvoll ins neue Jahr?

Elbs Ja, und zwar aus dem einfachen Grund, weil die Krisen bei vielen Menschen auch enorme positive Kräfte freigesetzt haben, und weil ich selbst ein Mensch bin, der großes Gottvertrauen hat. Jeder von uns kann und wird entdecken, dass es viele Gründe gibt, hoffnungsfroh in die Zukunft zu sehen.

Wenn Gott die Liebe ist, ist der Mensch frei. Krisen sind die Konsequenz menschlichen Verhaltens und seiner Freiheit.

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