Zusammensetzung der Bevölkerung kippt

Vorarlberg / 30.12.2022 • 18:08 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Kinderbetreuungsplätze werden immer wichtiger.APA/Symbol
Kinderbetreuungsplätze werden immer wichtiger.APA/Symbol

Auch in Vorarlberg wird es schon bald weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter geben.

SCHWARZACH In Österreich und Vorarlberg dürfte die Bevölkerung insgesamt zwar auch in den kommenden Jahren wachsen. Es gibt aber schlicht zu wenig Geburten, damit die Zusammensetzung nach Alter auch nur stabil bleibt. Das hat weitreichende Folgen: Was in mehreren Bundesländern schon geschieht, könnte laut einer Prognose der Statistik Austria auf das Jahr 2030 hin auch hierzulande beginnen: Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter von 15 bis unter 65 könnte zurückgehen. In Vorarlberg könnte sie 2030 um ein halbes Prozent kleiner sein als heute. Das ist noch vergleichsweise günstig. Für Kärnten erwartet Statistik Austria gar ein Minus von sieben Prozent, für ganz Österreich ein solches von eineinhalb Prozent. Einzig in Wien könnte es dann mehr 15- bis unter 65-Jährige geben; und zwar um gleich 4,6 Prozent mehr.

Überraschend ist diese Entwicklung hin zu einem Arbeitskräftemangel nicht, wie der Ökonom Peter Huber bestätigt, der sich am Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO mit Strukturwandel und Regionalentwicklung beschäftigt: „Wir wissen schon lange, dass die Lebenserwartung steigt und es relativ wenige Geburten gibt. Zumal viele Beschäftige, etwa im Gesundheitsbereich, durch die Pandemie extrem belastet sind, verschärft sich das. Jetzt sind wir mit einer Riesenherausforderung konfrontiert.“

„Auf Sicht ein Standortproblem“

Nicht nur in Bezug auf die Pensionsfinanzierung. Es gibt zwar immer mehr pflegebedürftige Menschen, aber immer weniger, die als Pfleger oder Betreuer zur Verfügung stehen könnten. Oder als Arbeitskräfte ganz generell: „Auf Sicht ist das ein Standortproblem“, so Huber: Man erkennt das daran, dass Leitbetriebe immer mehr investieren müssen, um passendes Personal zu finden. In der Außenhandelstheorie gilt: Wenn die Arbeitskräfte nicht zu einem kommen, wandert das Kapital ab. Dann werden die Dinge dort produziert, wo Arbeitskräfte vorhanden sind.“ Sprich: Es kommt zu einem Verlust.

Möglichkeiten, den Rückgang der Erwerbsbevölkerung zur bremsen gibt es viele, einfach ist keine. Selbst wenn es gelingen würde, die Geburtenrate wieder zu erhöhen, würde das den Arbeitskräftemangel erst in vielen Jahren entschärfen, so Huber.

Auch bei Zuwanderung gehe nichts auf Knopfdruck: „Grundsätzlich ist das eine Möglichkeit, zu mehr Arbeitskräften zu kommen. Die Frage ist jedoch, wie schnell das geht. Im Moment haben wir sehr viele Asylwerber. Die Integration in den Arbeitsmarkt kann erst beginnen, wenn ihr Verfahren abgeschlossen ist und sie bleiben dürfen. Alles weitere hängt dann auch von Sprachkenntnissen und anderen Qualifikationen ab.“ Bei qualifizierter Zuwanderung, bei der es um Fachkräfte geht, die gleich eingesetzt werden könnten, muss man laut Huber wiederum bedenken, dass es einen weltweiten Wettbewerb gibt. Da müsse man sich erst behaupten und den Leuten auch Dinge wie Wohnraum und Bildungschancen für die Kinder bieten können.

Potenzial ortet der Ökonom bei Frauen, die oftmals nur Teilzeit arbeiten. Damit sie auf einen Ganztagsjob umsteigen können, müssten allerding auch ausreichende Kinderbetreuungsplätze angeboten werden. Eine Notwendigkeit, über eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsalters anzusetzen, sieht Huber nicht: Es wäre „schön“, wenn man zunächst diejenigen mobilisieren würde, die das bestehende noch nicht erreicht haben, aber ohne Arbeit sind, argumentiert er: Auch dadurch könne dem Arbeitskräftemangel begegnet werden. JOH

„Wir wissen schon lange, dass die Lebenserwartung steigt und es relativ wenige Geburten gibt.“

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