Apotheken im Notmodus

Vorarlberg / 03.01.2023 • 18:34 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Einige Arzneimittel für Kinder sind zur Zeit knapp. DPA/Patrick Pleul
Einige Arzneimittel für Kinder sind zur Zeit knapp. DPA/Patrick Pleul

Fiebersäfte für Kinder, einige Antibiotika und andere Arzneien sind knapp.

Schwarzach, Wien Wer aktuell in einer Apotheke war, hat vielleicht diesen Satz gehört: „Momentan nicht lieferbar.“ Bei der Versorgung mit zahlreichen Medikamenten kommt es zu wochenlangen Engpässen. Vorarlbergs Apothekerkammerpräsident Christof van Dellen spricht von einem Notmodus. Allerdings bestehe kein Grund zur Panik. „Wir haben immer noch Möglichkeiten, auszuweichen.“

 

Wie viele Präparate sind im Moment nicht erhältlich? Das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen listet mit Stand Dienstag 545 Präparate auf, die nur eingeschränkt oder gar nicht verfügbar sind. Allerdings werden dort auch verschiedene Packungsgrößen des gleichen Medikaments ausgewiesen.

 

Welche wichtigen Medikamente fehlen? Bei dem Antibiotikum Augmentin gibt es dem Apothekerkammerpräsidenten zufolge einen Engpass. Es wird gegen zahlreiche Infektionen angewendet, unter anderem bei Mittelohrentzündungen, Atemwegs-, oder Harnwegsinfektionen. Dazu kämen etwa auch Knappheiten bei fiebersenkenden Mitteln, wie beispielsweise Ibuprofen-Fiebersäften. Das trifft besonders Kinder stark. Zudem gebe es bei blutdrucksendenden Mitteln Knappheiten, hier ließe sich aber noch gut ausweichen, erklärt van Dellen. Lässt sich das entsprechende Präparat nicht auftreiben, kann die Apothekerin oder der Apotheker mit dem behandelnden Arzt oder der Ärztin über Alternativen beraten. „Es kann sein, dass es in anderer Stärke oder Packungsgröße vorhanden ist.“

 

An was liegt die Knappheit? Das hat unterschiedliche Gründe. Van Dellen, der die Kur-Apotheke in  Schruns leitet, spricht aktuell von einem „geballten Aufeinandertreffen verschiedener Infektionen.“ Diese seien viral, könnten aber auch zu bakteriellen Infektionen führen, etwa einer Lungenentzündung. „Mit Grippe und Corona haben wir einen gefährlichen Cocktail. Man braucht sehr viele Medikamente.“ Zu diesen saisonal bedingten Ursachen komme, dass China die Ausfuhr von bestimmten Arzneimitteln stark eingeschränkt habe. Das Land brauche diese aktuell selbst, da dort die Corona-Welle nach dem Ende der Null-Covid-Politik ansteigt. Außerdem seien die Kalkulationen der Industrie für Europa und Österreich zu knapp ausgefallen. „Das hätte man eigentlich wissen können, da im Sommer die Influenza auf der südlichen Hemisphäre schon sehr stark war.“

 

Wieso wird nicht einfach mehr produziert? Oft wird ein Wirkstoff nur noch an einem oder zwei Standorten weltweit produziert, heißt es in einer Stellungnahme der Ärztekammer. Zum Beispiel in China. Die Kapazitäten sind irgendwann aufgebraucht. Dasselbe gilt für die Lagerung, die zunehmend an wenigen Standorten der Hersteller im Ausland und nicht mehr in Österreich oder anderen EU-Ländern erfolgt.

 

Wurden aus drei Jahren Pandemie zu wenige Lehren gezogen? Ärztekammer-Vizepräsident Harald Mayer findet kritische Worte: „Wir haben am Anfang der Pandemie gesehen, wir kriegen Probleme mit Medikamentenbeschaffung, Produktion, Medizinprodukten, damals gab es die wunderbare Idee, die EU müsse versuchen, autark zu werden. Geschehen ist in den letzten zweieinhalb Jahren nichts.“ Es werde nur versucht, Gewinne zu optimieren und dabei übersehen, dass man in lebensnotwendigen Dingen eine gewisse Autonomie brauche.

 

Wie kann eine künftige Notlage verhindert werden? SPÖ-Gesundheitssprecher Philip Kucher verlangt, dass die Produktion nach Europa zurückgeholt werden und das nationale Krisenlager mit definierten Medikamenten gefüllt werden muss: „Wenn zum Beispiel fiebersenkende Medikamente für Kinder nicht verfügbar sind, ist Feuer am Dach.“ Andreas Windischbauer, Präsident des Verbands der Arzneimittelgroßhändler (Phago), räumt jedoch ein, dass die Rückkehr der Produktion „ein langjähriger Vorgang“ sei. Zudem hätten gerade die gängigsten Mittel enorm niedrige Preise: „70 Prozent der Arzneimittel liegen unter sechs Euro.“ Auf diesem Niveau sei „keine Herstellung in Europa möglich“, betonte Windischbauer.

 

Kann Österreich keinen Vorrat anlegen? Windischbauer fordert im Ö1-Morgenjournal ein „Krisenlager“. Gerade bei ganz wichtigen Arzneimitteln komme es in den globalen Lieferketten immer wieder zu Problemen. Österreich müsse gerade bei jenen, die nicht austauschbar sind, wesentlich autarker sein. Doch auch ein Krisenlager lässt sich nicht innerhalb kurzer Zeit aufbauen, betont Windischbauer: Derzeit sei Österreich von den Kontingenten abhängig, die es zugeteilt bekommt.

 

Wie geht es nun erst einmal weiter? Von heute auf morgen ließe sich die Produktion nicht verdoppeln, erklärt van Dellen. Er geht aber davon aus, dass sich die Lage nach dem Höhepunkt der Influenza- und Coronawellen normalisiert. „Die Versorgungssicherheit ist nicht gefährdet“, stellt er klar. Dass Menschen zunehmend Arzneimittel horten und den Engpass damit verschärfen würden, kann der Apotheker auch nicht berichten. „Eher das Gegenteil. So hat uns eine Patientin beispielsweise ein Antibiotikum zurückgebracht, das sie nicht gebraucht hat.“

„Mit Grippe und Corona haben wir einen gefährlichen Cocktail. Man braucht sehr viele Medikamente.“

70 Prozent der Arzneimittel liegen unter sechs Euro. Auf diesem Niveau sei „keine Herstellung in Europa möglich“, so der Präsident der Arzneimittelgroßhändler. Reuters
70 Prozent der Arzneimittel liegen unter sechs Euro. Auf diesem Niveau sei „keine Herstellung in Europa möglich“, so der Präsident der Arzneimittelgroßhändler. Reuters

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