Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Die Firma Windsor im Überlebenskampf

Vorarlberg / 09.01.2023 • 19:33 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Prinz Harry ist so leicht zu hassen, wenn man ein Mitglied seiner Familie ist. Prinz Harry ist so leicht zu verachten, wenn man den öffentlichen Angriff von ihm und seiner Frau Meghan auf die Windsors nur als niveaulose Gossip-Geschichte missverstehen will. Prinz Harry ist so leicht zu verurteilen, wenn man hört, dass er seine Familiengeheimnisse für viel Geld verhökert. „Spare“, auf Deutsch „Reserve“, lautet der Titel seines ersten Buchs, das jetzt schon weltweit für aufgeregte Schlagzeilen sorgt – der heutige König Charles soll seinen Zweitgeborenen einst als Reserve tituliert haben.

Auch wenn die Institution des britischen Königshauses unter anderem schon eine skandalöse Abdankung, den Rosenkrieg zwischen Thronfolger Charles und Publikumsliebling Diana oder zuletzt die Erschütterung durch Prinz Andrew (der durch einen Vergleich einem Prozess wegen sexuellen Missbrauchs entging) überstanden hat, ist die Zukunft der Royals nun ungewiss. Elizabeth II. als Inbegriff des Empire ist tot, und eisiges Schweigen alleine ist heute keine Strategie mehr, wenn man unter Beschuss steht.

Eine Überlebensfrage

Die Geschichte des abgefallenen Prinzen ist nicht nur die Erzählung eines gekränkten, verwöhnten jungen Mannes, der offensichtlich viele Probleme hat. Es geht dabei auch um die Geschichte eines aus der Zeit gefallenen Systems, das zu erodieren droht. Aus Sicht der Kybernetik, das ist jene Forschungsrichtung, die Systeme verschiedenster Art auf selbsttätige Regelungs- und Steuerungsmechanismen hin untersucht, steht das System Windsor vor einer Überlebensfrage. Nach dem Viable System Model, einem kybernetischen Referenzmodell zur Diagnose des Managements von Organisationen, ist ein System nur dann lebensfähig, wenn es in ständigem Wechselspiel mit seiner Umwelt ist, dabei aus Veränderungen lernt und in Balance bleibt. Das Verhalten des Königshauses in der Krise offenbart das Gegenteil davon – die völlige Überforderung, auf die Welt da draußen und die Geschwindigkeit der Veränderungen einzugehen.

Und neben der Systemkrise erleben wir die Firma Windsor, die durch den abtrünnigen Prinzen in ihrem Kerngeschäft irritiert wird: Dem Verkauf des Bildes einer royalen Familie, die eigentlich ein Konzern ist. Das Volk bezahlt mit Steuergeldern für den Erhalt dieses Märchenparks, das Familienunternehmen Windsor bringt dem Staat dafür bisher Einnahmen von bis zu 2,3 Milliarden Euro pro Jahr. Die stärkste Botschafterin war allerdings die Queen, deren Markenwert zuletzt von der „Financial Times“ auf 30 Milliarden Euro geschätzt wurde. Ohne ihre identitätsstiftende Rolle könnte das Prinz-Harry-Desaster auch den Anfang des Endes vom Wirtschaftsfaktor Monarchie einläuten.

„Es geht beim Debakel des Hauses Windsor auch um die Geschichte eines aus der Zeit gefallenen Systems, das zu erodieren droht.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.

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