Wolf statt Regulierungsgatter gegen Rotwild. Das meinen Tierschützer …

Vorarlberg / 10.01.2023 • 05:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Rotwildhirsche sind beliebte Jagdtrophäen. Das Problem mit dem Rotwild in Vorarlberg: Es ist der Überträger von TBC auf Vieh. <span class="copyright">DPA</span>
Rotwildhirsche sind beliebte Jagdtrophäen. Das Problem mit dem Rotwild in Vorarlberg: Es ist der Überträger von TBC auf Vieh. DPA

Naturschützer laufen Sturm gegen angedachte TBC-Maßnahme. LK-Präsident Moosbrugger begrüßt Überlegungen.

Bregenz So einig waren sich Landesveterinär Norbert Greber und der Vorarlberger Landesjägermeister Christoph Breier noch nie: Beide sprechen sie sich im Kampf gegen die TBC-Prävalenz beim Rotwild für konzentrierte Abschüsse von Tieren in umzäunten Bereichen aus. Während Greber diese aus seiner Sicht unvermeidbare Maßnahme mit dem Begriff “Regulierungsgatter” versieht, nennt des Landes oberster Jäger das Projekt “Regulierungsfütterung”. Die Funktion bleibt dieselbe: Rotwild wird in einen umzäunten Bereich gelockt und dort gezielt erlegt. Damit soll der Bestand an Rotwild und die damit verbundene Seuchengefahr reduziert werden.

Martin Balluch sieht den Wolf als Teil der Lösung gegen den zu hohen Rotwild-Bestand und die damit verbundene TBC-Gefahr. <span class="copyright">APA</span>
Martin Balluch sieht den Wolf als Teil der Lösung gegen den zu hohen Rotwild-Bestand und die damit verbundene TBC-Gefahr. APA

Einstellung der Wildfütterung?

Dass die vorgeschlagenen Maßnahmen Reaktionen auslösen, war voraussehbar. Vehement fiel diese vonseiten des Vereins gegen Tierfabriken (VGT) aus. Die Gruppe nennt die angedachte Maßnahme ein “Rothirschmassaker”. Deren Ansicht: Es sind Nutztiere, die in freier Natur Krankheitserreger auf die Wildtierpopulation übertragen. Für den VGT ein Teil der Lösung ist der Wolf. Er würde als Gesundheitspolizei kranke Hirsche sofort entfernen. VGT-Obmann DDr. Martin Balluch wörtlich: “Das Problem ist hausgemacht, aber ausbaden müssen es die Hirsche. An ihnen sollen nun wieder Massaker in eingezäunten Gelände veranstaltet werden.” Neben dem Wolf soll auch die Einstellung der Wildtierfütterung zur Lösung des Problems beitragen. “Der menschliche Jäger ist kein Ersatz für die scharfen Sinne des Wolfes”, ist Balluch überzeugt.

<p class="caption">Wölfe sollen helfen, den Bestand von Rotwild einzudämmen. Landwirte sehen das anders. <span class="media-container dcx_media_rtab" data-dcx_media_config="{}" data-dcx_media_type="rtab"><span class="copyright"> </span></span><span class="copyright">dpa</span></p>

Wölfe sollen helfen, den Bestand von Rotwild einzudämmen. Landwirte sehen das anders.  dpa

Schwierige Umsetzung

Weniger kompromisslos äußert sich Karin Keckeis, Vorarlberger Tierschutzombudsfrau, zur Problematik: “Ich kann mir nicht vorstellen, dass man auf so eine Art und Weise Tiere ohne Stress und ohne Komplikationen erlegen kann. Das ist kein klares Nein zur Maßnahme, aber dessen Umsetzung ohne Tierleid auszulösen, scheint aus meiner Sicht unmöglich.” Ihre Bedenken hatte sie bereits bei einem TBC-Gipfel des Landes geäußert und entsprechend formuliert.

<p class="caption">Glaubt nicht, dass ein Regulierungsgatter tierfreundlich umgesetzt werden kann: Tierombudsfrau Karin Keckeis. <span class="media-container dcx_media_rtab" data-dcx_media_config="{}" data-dcx_media_type="rtab"><span class="copyright"> </span></span><span class="marker"><span class="copyright">vlk</span></span></p>

Glaubt nicht, dass ein Regulierungsgatter tierfreundlich umgesetzt werden kann: Tierombudsfrau Karin Keckeis.  vlk

Alle Maßnahmen ergreifen

Klare Kante zeigt Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger bei diesem Thema. “Ich meine, wir müssen alle uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen ergreifen, um die gesunden Wildbestände zu schützen. Klar ist auch: Was bisher im Problemgebiet Silbertal passierte, ist zu wenig.” Einmal mehr äußert Moosbrugger Kritik an den Jägern, die im Problemgebiet die notwendigen Abschüsse zur Eindämmung der TBC-Problematik nicht getätigt hätten. “Man sieht im Klostertal, dass dies durchaus zu schaffen ist”, fügt Moosbrugger an.

<p class="caption">Verlangt im Kampf gegen das TBC-Problem die Ausschöpfung aller möglichen Maßnahmen: LK-Präsident Josef Moosbrugger. <span class="media-container dcx_media_rtab" data-dcx_media_config="{}" data-dcx_media_type="rtab"> </span><span class="copyright">VN/Sams</span></p>

Verlangt im Kampf gegen das TBC-Problem die Ausschöpfung aller möglichen Maßnahmen: LK-Präsident Josef Moosbrugger.  VN/Sams

Dass die Landwirte durch die Herstellung von speziellem Futter für Wild vielleicht auch ihren Beitrag zum Erhalt des viel zu hohen Bestands leisten, will Moosbrugger nicht so sehen. “Da sehe ich keinen Zusammenhang. Abgesehen davon, würde man das Wildfutter sonst von woanders holen.”

Presseaussendung des VGT in voller Länge

Schon wieder Tuberkulosealarm bei Rindern in Vorarlberg und schon wieder soll mit einem Massaker von Rothirschen im sogenannten Regulierungsgatter temporär Abhilfe geschaffen werden. Immer häufiger übertragen Nutztiere, die in die freie Natur gebracht werden, verschiedene Krankheiten auf Wildtierpopulationen, in denen sich die entsprechenden Krankheitserreger normalerweise nicht halten können. Das deshalb, weil erstens der Wolf in einem intakten Ökosystem die kranken Hirsche als Gesundheitspolizei des Waldes sofort entfernen würde. Aber nein, aus ökologischem Unverständnis heraus wird der Wolf von der Jägerschaft zum Todfeind erklärt und gnadenlos verfolgt. Und zweitens würden sich unter natürlichen Bedingungen die Hirsche in den Revieren gleichmäßig verteilen und dadurch keinen Pool für Krankheitserreger bieten. Aber die Jägerschaft füttert Rothirsche wie besessen, vor allem, um sie im eigenen Revier zu halten und große kapitale Trophäenträger zu züchten. Dadurch kommen sehr viele Rothirsche an den Futterstellen zusammen und infizieren sich gegenseitig, vor allem durch ihren Kot. Als nomadisch lebende Tiere achten sie nicht darauf, wo sie koten, weil sie ja gleich wieder weiterziehen würden. Doch wenn sie an derselben Stelle über längere Zeit gehalten werden, akkumuliert der Kot und die Tiere stecken sich gegenseitig an. Und echte Reduktionsabschüsse der überzüchteten Rothirschpopulationen unterläuft die Jägerschaft mit fadenscheinigen Argumenten.

Tierschützer:innen im Wolfsgewand [prangern in der Hochschwabregion in der nördlichen Obersteiermark die Hetze gegen den Wolf an.] (https://vgt.at/presse/news/2023/news20230102ff.php) Er ist für ein intaktes Ökosystem unumgänglich.

VGT-Obmann DDr. Martin Balluch dazu: “Das Problem ist also hausgemacht, aber ausbaden müssen es die Hirsche. An ihnen sollen nun wieder Massaker im eingezäunten Gelände veranstaltet werden. Dabei wäre die Lösung so einfach: keine Fütterungen mehr, keine Überpopulationen und ein umfassender Schutz für den Wolf. Österreich hat die weltgrößte Paarhuferdichte, weil hierzulande so gefüttert wird und man keine großen Beutegreifer duldet. Der menschliche Jäger ist kein Ersatz für die scharfen Sinne des Wolfes, der kranke Beutetiere sofort erkennen kann. Wir rotten die Gesundheitspolizei des Waldes aus und verschulden dadurch immer größere Schäden und grauenhafte Tierquälerei. Es ist notwendig, umzudenken. Je früher, desto besser.”

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