Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Drei alte Damen

Vorarlberg / 11.01.2023 • 10:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Zur gleichen Zeit trafen die Damen im Schloßcafe ein. Lange hatten sie einander nicht gesehen. Eine wollte der anderen den Vortritt lassen. Lore suchte den besten Platz aus und bestellte. Sie fragte nicht.
„Eine große Platte, darauf Himmeerstreuselkuchen, Heidelbeerstreusel und Johannisbeerstreusel von jedem zwei Stück.“

Inge und Herta nickten.
Die Kuchen wurden serviert, sie aßen von der Platte, und Lore sagte: „Der beste Kuchen der Welt, ihr wisst, dass der alte Besitzer und Erfinder dieser Köstlichkeit lange Zeit in Kairo gebacken hat. Hat er Post aus der Heimat erhalten, genügte es, wenn sein Name darauf stand und Kairo“.
Sie aßen stumm.
„Wir haben gar keinen Kaffee getrunken“, sagte Herta.
„Vor lauter Gier“, sagte Inge und bestellte.
Erst jetzt hatten sie Zeit, sich anzusehen. Herta dachte, wie schlecht doch Inge aussieht, als hätte sie ein unglückliches Leben, und sie sagte: „Geht es dir gut? Inge, du bist so schmal geworden.“

„Wär’ ich auch gern“, sagte Lore, „aber mir schmeckt eben alles so gut. Und du, Inge?“
„Wie es halt so ist, in unserem Alter. Man lebt und wartet, bis es aus ist.“

„Doch nicht im Ernst! Was redest du denn da!“ Lore war empört. „Wir können noch gut zwanzig Jahre leben, und stellt euch vor, was in zwanzig Jahren noch alles passieren kann! Vielleicht heirate ich zum dritten Mal.“
„Zum dritten Mal?“, fragte Inge. „Sind die anderen zwei gestorben?“
„Es hat nicht mehr gepasst, mein Erster hat mich betrogen, mein Zweiter war nur mehr an Sport interessiert.“
„Ich glaube“, sagte Herta, „man muss sich bald ein eigenes Leben suchen und sich nicht nur auf den Mann verlassen, dann ist man großzügiger und hält die Spannung aufrecht.“

Welche Spannung?“, fragte Inge.
„Wenn sich der Mann seiner Frau nicht sicher ist, wird er aufmerksamer sein, weil er Sorge hat, er könnte sie verlieren.“
„Ist das deine Erfahrung?“, fragte Inge.
„Jedenfalls, meiner ist bis zu seinem Tod bei mir geblieben. Wir hatten es gut. Er hat mich ins Kino begleitet, obwohl er keine Lust hatte, zu Vorträgern …“
„Wenn er doch keine Lust hatte“, sagte Lore. „Ist das denn ein Vergnügen für dich gewesen?“
„Ach, ich hatte meinen Spaß, und manchmal bin ich mit ihm auch zu einem Fußballspiel gegangen. Und glaubt ihr wirklich, das hat mich interessiert? Das ist das Geheimnis, und siehst du, wenn sich dein Mann freut, gefällt es dir plötzlich auch.“

„Und woran ist dein Mann gestorben?“, fragte Inge.
„Er ist leider verunglückt, und ich war nicht dabei. Das werde ich mir nie verzeihen.“
„Willst du denn wieder einen Mann?“, fragte Lore.
„Nein, denn er müsste so sein wie mein Reinhard, aber so einen gibt es kein zweites Mal.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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