Kirche weiter im Austrittsmodus

Vorarlberg / 11.01.2023 • 19:02 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Vergangenes Jahr war der Exodus an Gläubigen besonders hoch.

Feldkirch Der katholischen Kirche laufen weiterhin die Schäfchen davon, und das nicht zu knapp. Im vergangenen Jahr kehrten 4592 Menschen der Kirche offiziell den Rücken, um knapp 1000 mehr als 2021. Besonders spürbar war die Austrittswelle in den ersten drei Monaten und in der Altersgruppe der 15- bis 30-Jährigen. Die Vorschreibung des Kirchenbeitrags ist ein Grund für den Exodus von Gläubigen zu Beginn eines jeden Jahres, aber nicht der einzige.

„2022 führte eine Mischung aus gesamtgesellschaftlichen, gesamteuropäischen und weltweiten Entwicklungen zu den hohen Austrittszahlen“, fasst Pastoralamtsleiter Martin Fenkart (47) die in der Dialogstelle dazu geführten Gespräche zusammen.

Corona polarisierte

So erreichten die Ausläufer des Bebens, das die Berichte zur Missbrauchsaufarbeitung in der Erzdiözese München auslösten, auch die Nachbardiözese Feldkirch. Corona- und Impfdebatten polarisierten das Kirchenvolk, und der Kriegsausbruch in der Ukraine sorgte für weitere Unsicherheiten. Für die Kirche heißt das, noch stärker den Kontakt zu den Menschen zu suchen und als Wegbegleiterin da zu sein. „Es ist wichtig, allen zu signalisieren, dass die Türen offenstehen“, betont Fenkart. Aktuell gehören in Vorarlberg 217.153 Menschen der katholischen Kirche an.

Das Verhältnis zur Kirche hat sich insgesamt gewandelt. „Vor allem bei den Jüngeren fehlt oft der innere Bezug“, sagt Martin Fenkart. Andere brauchen zumindest die Nähe zur Kirche, was sich unter anderem im Anzünden von Kerzen offenbart. „In den Kirchen brennen heute deutlich mehr Kerzen, als dies vorher der Fall war“, erzählt der Pastoralamtsleiter. Die Kirche baut außerdem auf ihre rund 25.000 ehrenamtlich tätigen Frauen und Männer: „So können wir für Menschen in unterschiedlichen Situationen da sein.“ Laien aktiv hereinzuholen ist laut Fenkart aber schon aufgrund des Priestermangels ein Gebot der Stunde.

Problem: Priestermangel

Derzeit sind 96 Priester in der Diözese im Einsatz, ihr Altersschnitt liegt bei 55 Jahren. Für 2030 wird mit rund 70 Priesterstellen und gut 50 weiteren Seelsorgerinnen und Seelsorgern im pastoralen Dienst geplant. Als Gemeindeleiterinnen finden sich bereits jetzt zahlreiche Frauen in verantwortungsvollen kirchlichen Positionen. Derzeit werden Begräbnisleiter ausgebildet. „Sie übernehmen Aufgaben, die sonst Priester machen“, erklärt Martin Fenkart, etwa Wortgottesdienste abhalten oder Beerdigungsgespräche mit Angehörigen führen. Der Strukturplan für 2030 sieht 126 Pfarren vor, davon sechs Einzelpfarren, 28 Pfarrverbände und sechs Seelsorgeräume vorwiegend im städtischen Raum.

Für ebenso notwendig hält Fenkart, die Leistungen der Kirche besser sichtbar zu machen. Viele wüssten nicht, dass etwa hinter der Telefonseelsorge, dem Kaplan Bonetti-Haus oder Tischlein-deck-dich die Kirche stehe. Zu guter Letzt will der Pastoralamtsleiter nicht nur schwarzmalen. „Es gibt im Jahresrückblick mehr als die Austrittszahlen“, verweist er auf 2285 Taufen, 419 Hochzeiten sowie 943 Firmungen, und 2169 Mal wurden Menschen bei einem Begräbnis begleitet. Als Ziel formuliert Fenkart: Nähe, Nähe, Nähe. In allen politischen Gemeinden des Landes soll auch in Zukunft ein solidarisches, kirchliches Leben für die Menschen spür- und erlebbar sein.“ Eine weitere gute Botschaft: Wie berichtet, verzichtet die Kirche heuer bewusst auf eine volle Erhöhung der Kirchenbeiträge. VN-MM

„Es ist wichtig, allen Menschen zu signalisieren, dass ihnen die Türen zur Kirche immer offenstehen.“

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