Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Kritikkompetenz

Vorarlberg / 12.01.2023 • 06:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Kritik ist eines der wichtigsten Elemente zwischenmenschlicher Kommunikation und unverzichtbarer Bestandteil jeglicher gesellschaftlichen Diskussion. Sie nimmt in Erziehung, Partnerschaft und Berufsleben viel Platz ein und zieht sich vom Biertisch bis ins Parlament durch. Sowohl mediale Berichterstattung als auch politische Auseinandersetzungen leben von der Kritik. Als prüfende Beurteilung ist sie Voraussetzung für die Beseitigung von Missständen und das Lösen von Problemen. Kritik soll sein und Kritik muss sein, ohne Kritik kann menschliches Zusammenleben nicht funktionieren.

Kritik ist aber nicht gleich Kritik, denn sie ist zweischneidig.“

Kritik ist aber nicht gleich Kritik, denn sie ist zweischneidig. In konstruktiver Form ist sie einer der besten Motivationsfaktoren. Wenn sie nicht nur Fehler aufzeigt, sondern auch Verbesserungsvorschläge bietet, vermag sie die Augen zu öffnen und hilfreiche Anregungen zu geben. Da konstruktive Kritik nicht schuldzuweisend, sondern lösungsorientiert ist, kann sie von den Kritisierten angenommen und als hilfreich empfunden werden. Wird Kritik als hohe Kunst der Beurteilung betrachtet, beinhaltet sie sogar einiges an Wertschätzung.

Destruktive Kritik hingegen wirkt demotivierend, kränkend und frustrierend. Widerstand, aufreibende Konflikte und Resignation sind die Folge. Entwertung statt Wertschätzung, Beschuldigung statt Problemanalyse, Beschämung statt Versachlichung und Besserwisserei statt besseres Wissen tut niemandem gut und vergiftet das Klima.

Wenn in Österreich zu Recht gefragt wird, wie sich die ewigen Streitereien, die Skandalisierungssucht mancher Medien und der Hass in der Politdiskussion überwinden ließe, sollte zunächst die Kritikkompetenz der Agitatoren konstruktiv kritisch hinterfragt werden. Kritikkompetenz bedeutet, nützliche Hinweise für Verbesserungen geben und akzeptieren zu können, ohne den andern zu verletzen. Dabei müsste jeder bei sich selbst beginnen und sich vor Augen halten, dass destruktives Kritisieren psychologisch betrachtet Ausdruck eigener Minderwertigkeitsgefühle ist. Auch wenn man beißende Kritik als hilflosen Schrei nach Liebe interpretieren kann, lässt sich nicht übersehen, dass destruktiv Kritisierende ihre eigenen Defizite auf Kosten anderer kompensieren wollen.

Positiv kritische Selbstreflexion ist also die Basis der Kritikkompetenz. Der deutsche Dichterphilosoph Christian Morgenstern hat es auf den Punkt gebracht: „In dem Maße, wie der Wille und die Fähigkeit zur Selbstkritik steigen, hebt sich auch das Niveau der Kritik an anderen.“

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.

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