Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Entscheidung fürs Leben

Vorarlberg / 13.01.2023 • 18:43 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Schuldirektorinnen und -direktoren allerorten bauen Rednerpulte auf, prüfen die alte, knackende Lautsprecheranlage und werfen farbige Präsentationen an die Wand. Eltern wollen innert kürzester Zeit versichert wissen, dass dies hier eine gute Schule ist. Die Beste für den Nachwuchs jedenfalls. Und die aufgeregten neunjährigen Söhne und Töchter sollen sich aufgrund dieses einen Informationsabends entscheiden können, ob diese jene Schule eine gute Startrampe für ihr Leben ist.

Das ist die Luxusposition der guten Schüler. Vielen wird diese Entscheidung durch die Volksschulnoten im Halbjahreszeugnis abgenommen. In diesen Tagen entscheidet sich erneut für einen ganzen Jahrgang von Kindern, wie ihr weiterer Bildungsweg aussieht. Sie sollen entscheiden, ob sie eher musisch, eher sportlich oder naturwissenschaftlich, vielleicht sprachlich sich verstärkt entwickeln wollen.

Vorneweg der stets heruntergespielte, aber jetzt im Jänner alles dominierende Notendruck. ln ein Gymnasium, mit dem man mit einem Zweier in einem der Hauptfächer noch akzeptiert wird – oder wohnt man im Bezirk Dornbirn? Pech gehabt, dort könnte es mit lauter Einsern auch knapp werden, erzählen sich Pädagogen im Bezirk Feldkirch.

Es ist ein höchst intransparentes System, vergleichen lassen sich die Institutionen in so kurzer Zeit ja nur schwer. Lehrerbenotung, Schulranking? Fehlanzeige. Und so verlässt man sich auf den Ruf einer Schule, aufs Hörensagen – und die Kinder auch auf das, was Freundinnen und Freunde tun.

Die Lehrer fahren alles auf: laden ehemalige Schülerinnen und Schüler ein – sogar Eltern ehemaliger Schüler. Bringen aktuelle Schüler zum Singen und Tanzen. Oder übergeben, im besten Fall, den Schülern die Aufgabe, als Eltern-Guide durch ihre Schule zu führen. Zum Physikprofessor beispielsweise, der eine Lasershow präpariert hat und sich unter Applaus der Kinder beinahe die Hand anzündet.

Die Vorarlberger Bildungspolitik der ÖVP hat vor zehn Jahren einen Weg eingeschlagen, der damals mutig war – und auch heute noch dringend notwendig wäre. Den Neunjährigen soll nicht eine Richtungsentscheidung aufgehalst werden. Es wurde geforscht, wissenschaftlich begleitet. Und dann wurde vergessen. An den Hauptschulen wurden die Schilder getauscht, sie sind nun Neue Mittelschulen. Solche, insbesondere jene, die sich spezialisiert haben, bieten ausgezeichnete Ausbildung an. Aber die Grundidee, die Entscheidung über den künftigen Bildungsweg auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, ist mit einer ideologischen Diskussion um die Gesamtschule erstickt worden.

Heute ist die Behelfsstrategie mit allen Mitteln die Ausstattung der Mittelschulen zu verbessern, um den vorhandenen Unterschied zwischen Gymnasium und Mittelschule immer unsichtbarer zu machen. Und ja: “durchlässig” soll das Bildungssystem auch sein. Nur ist es das nicht in dem Maße, wie es alle gern hätten.

Vorarlberg soll bis 2035 chancenreichster Lebensraum für Kinder sein. Dazu gehört, dass nicht Neunjährige einem Selektionsprozess unterworfen werden, der mit der weiteren Bildungswegentscheidung zum überwiegenden Anteil definiert, welchen Bildungsabschluss, welchen Status, welches Einkommen die Kinder 20 Jahre später haben werden. 70 Prozent der Vorarlberger Volksschulabgänger besuchen später eine Mittelschule, nur 27,5 Prozent wollen, können oder jedenfalls gehen ins Gymnasium. Das ist laut Statistik Austria mit Tirol der geringste Wert der Republik.

Dass es anders geht, würde ein Blick über den Rhein zeigen. Die schweizerische Primarschule dauert sechs Jahre, der Englischunterricht beginnt beispielsweise in der dritten, der Französischunterricht in der fünften Klasse. Entscheiden muss sich bis dahin noch niemand.

Diesseits des Rheins sind jetzt die entscheidenden Tage, an denen Kinder und Eltern für ihr Halbjahreszeugnis pauken. Der ganze Zirkus in jungen Jahren müsste nicht sein.

Gerold Riedmann

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Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.

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