Das Volk ist zurück in seinem Hohen Haus

Vorarlberg / 15.01.2023 • 20:55 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Clemens Braun berichtet beim Rundgang von den architektonischen Feinheiten der Sanierung.Liebentritt
Clemens Braun berichtet beim Rundgang von den architektonischen Feinheiten der Sanierung.Liebentritt

Nach der Sanierung lud das Parlament zum Tag der offenen Tür.

Wien Irgendwann entfährt es Clemens Braun: „Wow!“ Der Rundgang im neuen, alten Parlamentsgebäude führt gerade in den nächsten Abschnitt, wo der Lustenauer erstmals den fertigen Sitzungssaal des Nationalrats erblickt. Und der Raum mit der neuen Glaskuppel kann sich wahrlich sehen lassen. Auch der Lustenauer scheint zufrieden mit dem Ergebnis der fünfeinhalbjährigen Sanierung. Zum Glück, denn Clemens Braun hat in den ersten Jahren des Großprojekts selbst daran mitgearbeitet: Bis 2020 war der damalige Student und heutige Architekt bei den Generalplanern Jabornegg & Pálffy tätig.

Loch im Saal

„Es ist natürlich eine große Ehre, an so einer Straße mit ihren Prachtbauten so ein Projekt mitgestalten zu dürfen“, freut sich der 29-Jährige. Von der Wiener Ringstraße aus war zwar – abgesehen von Containern und Kränen – nie viel von der Sanierung zu sehen, im Inneren ging es aber teilweise durchaus zur Sache: „Irgendwann klaffte an der Stelle des Nationalratssaals nur noch ein riesiges Loch.“ Neben solchen Bereichen des Totalabbruchs gab es andere, „wo jedes Detail an den Ornamenten feinsäuberlich restauriert wurde“. Diese Aspekte hätten das Projekt aus architektonischer Sicht so interessant gemacht.

Immer wieder bemüht Clemens Braun den Vergleich der Großbaustelle mit einem Orchester: „Die Partitur ist zwar da, alle stellen sich auf einen Plan ein. Aber im Laufe des Projekts kommt es immer wieder zu Fehlern oder unvorhergesehenen Dingen, die man fortlaufend ausbalancieren muss.“ Mit dem Ergebnis dürfe man aber zufrieden sein. Hoffentlich, sagen da einige, schließlich werden die Kosten schlussendlich circa 420 Millionen Euro betragen. Doch vertretbar für Braun: „Die Summe an Geld ist natürlich groß, aber das ist für so einen Bau schon gerechtfertigt. Man sieht, wie es die Menschen bewegt und was das Gebäude für eine Symbolkraft hat.“

Der Flügel als Publikumsmagnet

Symbolkraft hat aber nicht nur das Gebäude sondern auch ein spezielles „Möbelstück“. Weiter auf unserem Rundgang kommen wir am Empfangssalon vorbei, wo die Besucher am Tag der offenen Tür fleißig Selfies machen. Aber nicht etwa mit Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP), sondern mit einer seiner Anschaffungen. Der in 23-Karat vergoldete Flügel von Bösendorfer wird zwar nur zugeklappt präsentiert, ist aber dennoch ein Star. „Mich haben mehr Menschen nach dem Flügel gefragt als nach dem WC“, sagt ein Bundesrat. Vielleicht wird auch deshalb später „das Klavier“ handschriftlich auf den Wegweisern ergänzt. Das für 3000 Euro pro Monat gemietete Instrument will schließlich bestaunt werden.

Währenddessen bestaunt Gerald Loacker (Neos) seinen neuen Arbeitsplatz, gemeinsam mit den anderen Parlamentsfraktionen „präsentiert“ sich der Nationalratsabgeordnete in der prächtigen Säulenhalle „dem Volk“. Und das Volk hat „denen da Oben“ einiges zu sagen: Bei Loacker beschwert sich ein älterer Herr, dass dieser die Pensionisten hassen würde, im Büro der Zweiten Präsidentin Doris Bures (SPÖ) macht eine Dame ihrem Ärger über die lange Wartezeit Luft. Nach einem gemeinsamen Selfie und einer kurzen Diskussion scheint aber bei beiden Damen der Ärger verflogen zu sein.

Eine Bundesregierung zu Gast

Vom Umbau erwartet sich Loacker ein neues Selbstverständnis der parlamentarischen Arbeit. Und er kann seine Freude nicht verbergen: „Es ist schon sehr prächtig“, sagt er mit einem Blick über die Decke: „Aber passend für die Institution.“ Das Haus würde nach dem Umbau viel mehr mit dem Bürger sprechen und der nimmt das gerne an: Die Parlamentsdirektion zählte zehntausende Gäste an diesem Wochenende und in der Zukunft sicher noch Hunderttausende mehr. Zumindest bis zur nächsten Sanierung nach 130 Jahren Nutzung. Oder etwas früher, hängt an einem historischen Klappsessel doch bereits jetzt wieder ein Schild: „Defekt !“ max

„Alle stellen sich auf einen Plan ein. Aber unvorhergesehene Dinge muss man fortlaufend ausbalancieren.“

Österreich hat sein Haus wieder und am Tag der offenen Tür war es außerordentlich gut besucht.Liebentritt
Österreich hat sein Haus wieder und am Tag der offenen Tür war es außerordentlich gut besucht.Liebentritt
Viel beachtet wurde der Flügel im Empfangssalon.Liebentritt
Viel beachtet wurde der Flügel im Empfangssalon.Liebentritt

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