Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Hartnäckig demokratisch

Vorarlberg / 17.01.2023 • 19:35 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Klimaaktivist:innen sind hartnäckig und überall. In Lützerath haben als letzte „Pinky“ und „Brain“ das Tunnelsystem inzwischen verlassen, doch die Gegner des Kohleabbaus setzen ihre Proteste auf Schaufelradbaggern und Werksbahnschienen fort. In St. Gallen/Altenrhein klettern am Flughafen die ersten auf hohe Gerüste, um die Ankommenden für das Weltwirtschaftsforum in Davos zu begrüßen. Zumindest für ihre Privatjets sollen sich die Mächtigen der Welt ein wenig schämen. Die jungen Menschen lassen sich weder von wütenden Aufofahrern am Praterstern letzte Woche beeindrucken, noch von mit Haftstrafen drohenden wahlkämpfenden Politikerinnen.

Die Szene ist inzwischen unübersichtlich: Neben Fridays for Future, System Change not Climate Change und Extinction Rebellion kämpfen zusätzlich Die letzte Generation, Debt for Climate, Make Polluters Day, Tyre Extinguishers und so weiter zum Teil Seite an Seite, zum Teil mit unterschiedlichen Methoden. Was alle eint ist das Ziel, Klimaschutz oberste Priorität einzuräumen, und das Feindbild, ein den Planeten ausbeutendes Wirtschaftssystem. Wie radikal ihre Kritik sein darf, beurteilt die Jugend naturgemäß anders als die durch ihre lebenslangen Gewohnheiten träge gewordenen Generationen.

Das war früher nicht anders: Vor 55 Jahren störten Demonstranten das erste Mal den Wiener Opernball, vor 40 Jahren startete der WWF seine Kampagne Rettet die Au gegen das geplante Wasserkraftwerk Hainburg und vor 30 Jahren strömten Hunderttausende Menschen auf dem Heldenplatz zu einem Lichtermeer zusammen.

Immer waren die Reaktionen geteilt und der Erfolg unterschiedlich. Der Opernball regt heute niemanden mehr auf, die Hainburger Au wurde erhalten, hingegen die Verschärfung des Asylrechts nicht verhindert. Im Gegenteil: Die FPÖ knüpft derzeit an die 1990er Jahre mit plakatierten Parolen wie „Festung Österreich“ und „Kärnten zuerst“ an. Und SOS Mitmensch hält nach wie vor dagegen.

Mutige Jugendliche braucht jede Demokratie samt ihren provokanten Strategien für Aufmerksamkeit. Sie gründen Vereine und neue Parteien, um wichtige Themen dem sonst eher erstarrten und mit sich selbst beschäftigten Politikbetrieb aufzuzwingen. Manches Mal verschwindet das Feindbild, ein anderes Mal gelingt die Veränderung und sehr oft geht die Auseinandersetzung über viele Jahrzehnte mit wechselnden Mitteln weiter. Eine Demokratie zeichnet sich dadurch aus. Ebenso eine Jugend, die Politik macht im eigentlichen Sinne, indem sie die Zukunft gestalten will anstatt sich vermeintlichen Sachzwängen anzupassen.

„Mutige Jugendliche braucht jede Demokratie samt ihren provokanten Strategien für Aufmerksamkeit.“

Kathrin Stainer-Hämmerle

kathrin.stainer-­haemmerle@vn.at

FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin, lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.

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