Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Vergeblicher Tag

Vorarlberg / 17.01.2023 • 18:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Das Wetter heute ist so abweisend, will nichts mit mir zu tun haben, lehnt mich ab. Ich kann heute nicht in den Nebel hineingehen wie in ein helles Tal. Auch fällt mir nur Ärgerliches ein, diese gierigen machtbesessenen Geldanhäufer, denen ich keine Freude an ihrem Geld wünsche. Ich will nicht an sie denken, weil mich das in Unruhe bringt. Solche maßlosen Ungerechtigkeiten vermiesen mir den Tag. Ich meine, wer ist nicht ungerecht. Wenn es sich um kleine Ungerechtigkeiten handelt, ist das menschlich. Weg damit.

Also, soll ich im Zimmer bleiben, soll ich meinen warmen Anorak anziehen, die gefütterten Schuhe und in den Wald marschieren. Das Schönste, was mir begegnen könnte, wären die Alpensalamander, diese flinken Tierchen. Ich hebe sie sachte vom Weg auf und setze sie ins Moss. Soll niemand aus Versehen auf sie treten. Ich entscheide mich für den Schreibtisch. Schiebe alles Unnötige beiseite. Zu beantwortende Briefe, zu unterschreibende Verträge. Zeitungsausschnitte, einen Artikel über die Gewalt in Somaliland. Mit der Erinnerung an einen grausamen Bürgerkrieg leben. Ein Gedicht gegen ein Regime zu schreiben, war mutig. Jetzt finden die Bürger Trost in diesen Gedichten.

Davorsitzen und nachdenken, warten, bis der zündende Gedanke kommt. Müssen Gedanken zünden? Im Leben nicht, nur in der Literatur.

Ich bin unruhig, trinke die fünfte Tasse Kaffee, die mich innerlich hohl macht.

Ich habe so viele Ausreden, dass ich etwas nicht tun muss, nicht tun kann, eigentlich nicht tun will.

Ich prüfe Redewendungen, viele sind mir zu überladen, andere wiederum zu ungenau, die schlichten sind die besten, wie denn. Soll ich sagen, das Gras ist grün, der Himmel blau?

Ich öffne das Fenster und sehe hinauf in den Himmel, der ein grauer Schleier ist. Und wenn ich schreibe, der Himmel ist ein grauer Schleier, was folgt darauf? Ich klappe den Computer zu. Lese in der Kreuzersonate und werde bald wieder staunen, wie präzise Tolstoi schreiben konnte. Sollte ich so meine Moralpredigt anlegen?

Wieder fällt mir die Notiz in der Zeitung ein, dass ein Bankmanager in fünf Tagen so viel verdient wie eine Durchschnittsfamilie in einem Jahr. Ich fordere eine Obergrenze für Spitzengehälter. In den Wald hineingerufen ist das weniger wie das Rufen eines Uhus?

„Wenn es sich um kleine Ungerechtigkeiten handelt, ist das menschlich. Weg damit.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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