Vorarlbergs Rettungsorganisationen an Belastungsgrenze angekommen

Vorarlberg / 20.01.2023 • 22:34 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Slavoljub Vukic (32), RK-Kommandant in Bregenz: „Die Belastungen haben zugenommen.“ VN/Gasser, RK
Slavoljub Vukic (32), RK-Kommandant in Bregenz: „Die Belastungen haben zugenommen.“ VN/Gasser, RK

Ehrenamt am Limit: Enorme Steigerungen bei Rettungs- und Krankentransporten im Land.

Bregenz Es ist ein erster leiser Hilferuf. Vorarlbergs Rettungsorganisationen kämpfen seit Monaten mit einem kaum mehr bewältigbaren Arbeitsaufwand. Die enorme Steigerung bei Rettungs- und Krankentransporten bringt das System aus Ehrenamt und hauptberuflichen Mitarbeitern ans Limit. Es ist fünf vor zwölf.

Slavoljub Vukic (32) ist seit acht Monaten Kommandant der Rotkreuz-Abteilung in Bregenz. Er ist einer von 145 Ehrenamtlichen, die sich die Nachtdienste im Bezirk aufteilen. An Schlaf, wie früher zumindest zwischendurch einmal, ist kaum mehr zu denken. „Heute fahren wir praktisch jede Nacht zwischen sechs und acht Einsätze“, so Vukic. Das sei fast doppelt so viel wie früher. „Die Belastung für jeden Einzelnen hat stark zugenommen.“

Vukic, im Hauptberuf Abteilungsleiter bei Huber Tricot, erzählt von Kolleginnen und Kollegen die mittlerweile das Handtuch geworfen haben. „Viele sind am Limit oder darüber.“ Völlig übermüdet, sei die Arbeit am nächsten Tag im eigentlichen Job kaum mehr machbar. Auch viele unnötige Alarmierungen in der Nacht bringen das System an die Grenzen. Da müsse sich etwas ändern.

„Einige können einfach nicht mehr“

Nach 15 Jahren in der Bregenzer Rotkreuz-Abteilung setzt der Kommandant auf Kameradschaft und Geselligkeit. Es macht den Meisten Spaß, die Motivation stimmt. Aber manche können einfach nicht mehr. „Die Belastung ist einfach zu groß.“

Janine Gozzi (40), Geschäftsführerin des Roten Kreuz Vorarlberg, beschreibt den enormen Mehraufwand. So sind die Alarmierungen in den letzten fünf Jahren von 118.000 auf 155.000 gestiegen. „Wir haben am Tag über 420 Einsätze.“ Das Anspruchsverhalten sei stark gestiegen. „Mit der Spezialisierung der Krankenhauslandschaft müssen weitere Strecken gefahren werden, was Mannschaft und Fahrzeuge bindet“, so Gozzi. Auch eine immer größere Zahl an terminlich abgestimmten Fahrten ist für das Rote Kreuz eine enorme Herausforderung.

125.000 Stunden

Nachtdienste, Wochenenden: Die ehrenamtliche Arbeit ist eine zentrale Säule des Rettungsdienstes. Allein beim Roten Kreuz summieren sich jährlich 125.000 ehrenamtliche Stunden. „Wir versuchen alles Mögliche, das zu halten“, so Gozzi. Man lege deshalb ein großes Augenmerk auf Vereinsleben und Kameradschaft.

Was an weiteren Belastungen dazukommt, kann längst nicht mehr von den Freiwilligen in den Rettungsorganisationen abgedeckt werden. So musste zuletzt bei hauptberuflichen Mitarbeitern deutlich aufgestockt werden. Das schlägt sich auch auf die Kosten nieder. Der Rettungsfonds von Land (60 Prozent) und Gemeinden (40 Prozent), mit dem Rotes Kreuz, Arbeiter Samariter Bund, Bergrettung und Wasserrettung finanziell unterstützt werden, musste heuer auf 22 Millionen Euro erhöht werden – eine Verdoppelung in nur fünf Jahren.

Man habe die enormen Belastungen im Ehrenamt erkannt und reagiert, sagt Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner (55, ÖVP). „Wir haben einiges an zusätzlichen Mitteln in die Hand genommen, um die Finanzierung der Rettungskette zu sichern.“ Dort, wo das Ehrenamt an seine Grenzen kommt, müsse in den hauptamtlichen Bereich investiert werden, um das Gesamtgefüge nicht zu gefährden.

Wallner nennt verschiedene Effekte, die zu den Mehrbelastungen des Rettungssystems geführt hätten. „Ärztelandschaft, Verlegung von Fachabteilungen, demografische Entwicklung, chronische Erkrankungen, aber auch die Tendenz, gleich zum Telefon zu greifen und die Rettung zu rufen.“ So brauche es eine Sensibilisierung der Bevölkerung dafür, in weniger dringenden Fällen einen niedergelassenen Arzt in der Nähe aufzusuchen.

Geprüft werde derzeit auch, wie die Gesundheitshotline 1450 eingebunden werden könne. Qualifizierte Mitarbeiter könnten in weniger akuten Fällen telefonisch beraten und abwägen, ob ein Rettungseinsatz tatsächlich erforderlich sei, so Wallner. Jede unnötige Fahrt weniger würde jedenfalls eine Entlastung für die Rettungskräfte bringen.

„Wir mussten einiges Geld in die Hand nehmen, um das Gesamtgefüge nicht zu gefährden.“

„Wir haben heruntergerechnet auf den Tag über 420 Einsätze“, so Janine Gozzi, GF Rotes Kreuz.
„Wir haben heruntergerechnet auf den Tag über 420 Einsätze“, so Janine Gozzi, GF Rotes Kreuz.

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