“Liebe und Dankbarkeit: Das sind die wahren Werte im Leben”

Vorarlberg / 20.01.2023 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Seniorenbegleiter Christian Profeld liest Heimbewohnerin Elfriede aus einem Buch vor.<span class="copyright"> Philipp Steurer</span>
Seniorenbegleiter Christian Profeld liest Heimbewohnerin Elfriede aus einem Buch vor. Philipp Steurer

Der Feldkircher Christian Profeld (55) fand über Umwege zu seiner Berufung.

Feldkirch Seine Kindheit war glücklich. „Das war der Grundstein, um später im Sozialbereich tätig sein zu können“, meint Christian Profeld (55). Seine Eltern waren ihm Vorbilder. „Mama war sehr hilfsbereit, sie hatte ein großes Herz.“ Sein Vater, ein Kunsterzieher, führte ihn und seine Schwester ins Kulturleben ein. „Er ging mit uns oft in Museen.“

Christian wuchs in Feldkirch in einem liebevollen und kulturell geprägten Umfeld auf, das seine Begabungen förderte. „Als Kind nahm ich an Zeichenwettbewerben teil und gewann sie immer.“ Seine Eltern ermutigten ihn auch zum Musizieren. „Mit neun Jahren fing ich an, Geige zu spielen.“ In der Pubertät entwickelte der Sohn einer Dänin und eines Niederösterreichers eine enorme Liebe zum Sport. „Ich gehörte dem Leichtathletikverein an. Mit den Sprintern wurde ich einmal Landesmeister in der 4×100-Meter-Staffel.“

Christian spielt seit seinem neunten Lebensjahr Geige. Er gehört dem Lustenauer Kammerorchester an. An Weihnachten gab er mit einigen seiner Kollegen Weihnachtslieder zum Besten im Haus Schillerpark. Die Senioren waren begeistert.
Christian spielt seit seinem neunten Lebensjahr Geige. Er gehört dem Lustenauer Kammerorchester an. An Weihnachten gab er mit einigen seiner Kollegen Weihnachtslieder zum Besten im Haus Schillerpark. Die Senioren waren begeistert.

Seine Interessen waren derart mannigfaltig, dass er nach der Matura nicht wusste, in welche Richtung er beruflich gehen sollte. „Ich hatte ein hohes Ziel. Der Beruf sollte Berufung sein.“ Er ging nach Wien mit dem Ziel, Skandinavistik zu studieren. Bald merkte er aber, dass seine Interessen mehr in Richtung Kunst und Sport gingen. Er trat an der Hochschule für Angewandte Kunst zur Aufnahmeprüfung an. „Ich wusste, dass es schwierig werden würde. Für meine Meisterklasse hatten sich 180 Leute beworben, aber nur acht hatten die Chance auf einen Platz.“ Christian schaffte das schier Unmögliche. „Es war ein unbeschreibliches Glücksgefühl.“ Aber seine Euphorie ebbte schnell ab. „Ich zweifelte daran, dass ich mich als freischaffender Künstler durchbringen kann.“ In dieser Situation besann er sich auf sein Interesse für Sport. „Ich legte erfolgreich die Aufnahmeprüfung an der Sport-Uni ab.“ Er erkannte dann aber, dass er weder Sport noch Kunst unterrichten wollte. „Diese Erkenntnis stürzte mich in einen Konflikt.“

Im vergangenen Dezember zeichnete  sich Christian selbst mit Rohrfeder und Tusche.
Im vergangenen Dezember zeichnete sich Christian selbst mit Rohrfeder und Tusche.

Durch seine damalige Freundin, die als Fachbegleiterin in einem Heim für kognitiv beeinträchtigte Menschen arbeitete, kam Christian erstmals hautnah in Kontakt mit gehandicapten Menschen. „Sie kamen im Heim gleich auf mich zu und hängten sich an mich. Da wurde mir klar: So ein Beruf kann Berufung sein.“ 1996 begann Christian die Diplomausbildung zum Fachsozialbetreuer an der Lehranstalt für heilpädagogische Berufe in Götzis.

Der Fachsozialbetreuer am Anfang seiner Berufslaufbahn mit einem seiner Schützlinge.
Der Fachsozialbetreuer am Anfang seiner Berufslaufbahn mit einem seiner Schützlinge.

Während der Ausbildung arbeitete er in einer Einrichtung für Schüler mit pädagogischem Förderbedarf. „Ich merkte, dass der Sozialbereich das Richtige für mich ist.“ Nach der Ausbildung arbeitete er in einem Heim für Menschen mit mehrfachen Beeinträchtigungen und später in einer Einrichtung für Menschen mit kognitiven Handicaps. „Es waren herausfordernde Tätigkeiten. Das Schöne war, dass persönliche Nähe entstand.“ Christian erlebte nie aufrichtigere Menschen als bei seiner Arbeit. „Kognitiv beeinträchtigte Menschen haben nicht gelernt, eine Fassade aufzubauen. Sie haben keine Maske. Sie sind sie.“ Die Arbeit mit diesen Menschen, „die mindestens so viel wert sind wie erfolgreiche Menschen“, prägte seine Lebenseinstellung massiv. „Ich erkannte, dass die wahren Werte des Lebens Liebe, Dankbarkeit und Wertschätzung sind.“ Seine Arbeit zeigte ihm außerdem, dass Empathie, Authentizität und das Ernst nehmen des Gegenübers die drei wichtigsten Säulen im Umgang miteinander sind.

Tägliche Bewegung ist für Christian ein Muss. Er hält sich mit Nordic-Walking fit.
Tägliche Bewegung ist für Christian ein Muss. Er hält sich mit Nordic-Walking fit.

Sein weiterer beruflicher Werdegang: In einer Erziehungseinrichtung für traumatisierte Mädchen bereitete er die Jugendlichen auf ein autonomes Leben vor. „Jedes der Mädchen war eine wunderbare Persönlichkeit. Aber ich wusste nie, was mich erwartet und fuhr deshalb immer mit einem Ziehen im Bauch zur Arbeit. Glücklicherweise kam es nie dazu, dass ich Krisenintervention betreiben musste.“ Die Arbeit belastete ihn, ihm wurde aber auch bewusst, wie viel Macht man als Sozialbetreuer hat und man mit dieser sehr behutsam umgehen muss.

Heute arbeitet der 55-Jährige als Seniorenbegleiter im Altenheim Haus Schillerstraße in Feldkirch. „Ich mache mit Heimbewohnern Dinge, die sie gerne machen möchten. Oft führe ich mit ihnen Gespräche über das, worüber sie reden wollen.“ Vielfach reiche es auch, einfach nur da zu sein und ihnen Zeit zu schenken. „Sie schätzen es, dass ich ihnen Zuneigung und Wärme gebe.“ Die alten Menschen berühren ihn. Sie haben ihm gezeigt, dass nur der Körper alt wird und die Seele jung bleibt. Christian kann sich vorstellen, diese Arbeit bis zur Pensionierung zu machen. Denn: „Mein Beruf wird immer noch mehr zur Berufung.“

geboren 2. Mai 1967

Wohnort Feldkirch

Familie ledig

Hobbys Nordic Walking, Musizieren, Zeichnen, Gedichte schreiben

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