Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Wo nichts wächst, kann auch nichts leben

Vorarlberg / 23.01.2023 • 21:12 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eigentlich habe ich mich, bevor ich nach drei Wochen Stadt wieder mal ins Waldviertel gefahren bin, schon auf die ersten Schneeglöckchen in meiner Wiese gefreut, aber: die Glöckchen verstecken sich unter einer dicken Schneeschicht. Darüber freue ich mich jetzt genauso: Dass es doch auch heuer noch einmal richtig Winter wurde, und dass wir den alten Rudy-Carell-Song noch nicht in „Wann wirds mal wieder richtig Winter“ umdichten müssen.

Der Hund und ich stapfen glücklich durch den verschneiten Wald, also ich stapfe, der Hund fetzt wie der Blitz durch den Schnee als wär nichts. „Friert er denn gar nicht?“, fragt der Nachwuchs in der Stadt besorgt. Nein, er friert kein bisschen; das ist ein robuster Allwetter-Hund für alle Jahreszeiten und jedes Gelände.

Der Garten ruht unter der Schneedecke, es ist sehr still. Nur wenige Tiere machen sich derzeit bemerkbar. Ein Schwarm Vögel an den Futterstellen, Meisen, Spatzen, Amseln. Ein schwarzes Eichhörnchen, das durch den Hund sehr gut im Training ist. Ich weiß jetzt etwas, das ich bisher nicht wusste: Eichhörnchen können sich quer über Holzwände hanteln, irrsinnig schnell, es sieht fast ein bisschen gespenstisch aus.

Ich habe heuer eine Liste begonnen, von allen Tieren, Insekten und Vogelarten, die ich in meinem oder über meinem Garten bemerke. Ich glaube, sie wird lange bis zum Ende des Jahres, vor allem, weil es, seit ich auf meinem Grundstück nur noch kleinere Flecken mähe, immer lebendiger wird. Das Mikroklima in meinem Garten hat sich in den letzten Jahren spürbar verändert, mehr Insekten, mehr Falter, mehr Vögel. Es bringt der Natur sichtlich etwas, wenn wir ein bisschen Wildnis und Chaos in unserem Garten aushalten.

In Deutschland, konkret in Niedersachsen, müssen ein paar Grundstücksbesitzer jetzt sehr tapfer sein: Dort können die Behörden, wie schon in einigen anderen deutschen Bundesländern, nämlich ab jetzt Schottergärten verbieten und deren Beseitigung anordnen. Warum das notwendig ist, kann man sich in „Gärten des Grauens“ ansehen, eine von Ulf Soltau auf Facebook gestartete Fotoserie, die auch in zwei Büchern dokumentiert ist: ein grauenhafter zugepflasterter, zugeschotterter, von allem natürlichen Wachstum befreiter Garten nach dem anderen. Warum das Verbot solcher „Gärten“ sinnvoll ist, ist klar: Wo nichts wächst, kann auch nichts leben, und wenn wir weiterhin eine Umwelt mit Bienen, Vögeln und anderen Tieren haben wollen, brauchen wir ein Ökosystem, das Artenvielfalt ermöglicht, möglichst viel Fläche, auf der es divers grünt und blüht. Also, wenn der Schnee weg und der Winter dann wirklich vorbei ist.

„Es bringt der Natur sichtlich etwas, wenn wir ein bisschen Wildnis und Chaos in unserem Garten aushalten.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.

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