Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Das Geheimnis

Vorarlberg / 24.01.2023 • 18:10 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Mann und Frau, lange waren sie schon beisammen, sie hatten Kinder großgezogen und waren zufrieden, weil jedes auf seine Art ein gutes Leben gefunden hatte. Oft saßen die beiden zusammen in ihrem Nest, das der Mann sich ausgedacht hatte – ein Sofa hinter einem Verschlag. Sehr gemütlich. Sie lasen oder redeten, lasen sich gegenseitig vor, schauten Filme im Fernsehen an und schliefen gelegentlich dabei ein. Der Mann mixte Getränke. Besonders liebte seine Frau, wenn er Personen nachahmte, die sie kannte. Er war unübertrefflich, und sie lachte Tränen.

Einmal fragte die Frau ihren Mann: „Sag, gibt es ein Geheimnis von dir, das ich noch nicht weiß?“

Der Mann lachte. „Ich hoffe. Denn, wenn es kein Geheimnis mehr gäbe, wäre ich ja langweilig.“

„Ich meine, ein kleines Geheimnis, ein harmloses. Aber nicht erfinden!“

„Also gut, du sollst es wissen: Jahrelang hat mich dieses Geheimnis gequält, genau genommen sieben Jahre. Dann vergaß ich es. Gerade jetzt, ist es mir wieder eingefallen. Es geschah, als ich fünf war.“

„Und warum hast es mit zwölf vergessen?“

„Weil mich etwas Anderes beschäftigt hat. Geheimnisse nützen sich ab. Ich war mit ein paar Freunden, die alle größer waren als ich, auf Tour, um auf fremde Klingeln zu drücken und Leute aufzuschrecken. Nur ein Spaß. Einmal läuteten wir an einem Haus, in dem der Professor wohnte, ein alter Mann, der sich selten zeigte. Meine Freunde sagten, wir läuten so lange, bis er auftaucht. Wir läuteten, ich nicht, ich stand als letzter da und schaute. Also, vom vielen Drücken auf die Klingel taten meinen Freunden die Hände schon weh, und sie wechselten sich ab. Da erschien auf einmal der Professor im Schlafrock. Alle waren weggerannt, und ich stand als einziger vor ihm. Er sagte kein Wort, hob mich auf und stellte mich in sein Treppenhaus. Er schloss die Tür hinter sich, ließ mich einfach stehen und schaute mir direkt in die Augen. Und dann passierte es. Ich wollte es zurückhalten, aber es geschah. Ich machte meine Hose nass, und es tropfte auf des Professors Linoleum. Er öffnete die Tür, hob mich auf und stellte mich zurück ins Freie. Ich habe den Professor nur einmal noch gesehen. Er war im Supermarkt und hatte einen Weggen Schwarzbrot gekauft. Ich stand hinter ihm und hoffte, er würde sich nicht umdrehen. Sicher hätte er mich nicht mehr erkannt. Oder wenn doch, dann weiß ich, es ist auch sein Geheimnis.“

„Denn, wenn es kein Geheimnis mehr gäbe, wäre ich ja langweilig.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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