Ein Fackelträger der Kultur

Vorarlberg / 09.06.2023 • 08:23 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Ein Fackelträger der Kultur
Bildquellen: Archiv der Uni Wien, Wiki Wien, Google maps

Über das Leben von Dr. Ferdinand Wachter (1874–1931).

Obwohl er über ein recht mächtiges Stimmorgan verfügte, war der Feldkircher Ferdinand Wachter ein eher stiller Pionier und wurde wahrscheinlich auch deshalb weitestgehend vergessen. In den 1920er-Jahren aber gab es in seiner Heimatstadt kaum eine kulturelle Aktivität, an der er nicht als Akteur, Anreger, Veranstalter oder Kritiker beteiligt war. Seine Rednergabe hatte er seinem Vater, dem Lehrer Ludwig Wachter zu danken. Vater Wachter war nicht nur ein gesuchter Redner für festliche Anlässe, er widmete sich neben dem Schuldienst dem Sängerwesen und war mit 65 aktiven Jahren das längst dienende Mitglied der Feldkircher Liedertafel. Die musikalische Erziehung seiner drei Kinder war ihm ein wichtiges Anliegen. Tochter Agnes, später verheiratet mit dem Kaufmann Leopold von Furtenbach, galt um 1900 als eine der herausragenden Pianistinnen im Vorarlberger Oberland. Ihr Bruder Ferdinand, der ebenfalls beim angesehenen Musikdirektor Wunibald Briem Klavierunterricht erhielt, brachte es als Instrumentalist nicht zur Meisterschaft seiner Schwester; in der Musiktheorie und im musikalischen Wissen zeigte er sich aber äußerst beschlagen.

Ein Fackelträger der Kultur
Portät des Studenten Ferdinand Wachter um 1897.

Trotz des musischen Elternhauses schlug der am 8. August 1874 geborene Ferdinand Wachter eine naturwissenschaftliche Laufbahn ein. Nachdem er die Matura am Feldkircher Gymnasium mit Auszeichnung abgelegt hatte, begann er 1893 ein naturwissenschaftliches Studium an der Wiener Universität. Bereits während seiner Gymnasialzeit hatte er ausgedehnte botanische Wanderungen unternommen und im Großraum Frastanz mehrere Pflanzen entdeckt, deren Vorkommen in Vorarlberg bis dahin unbekannt war.

Die Wiener Jahre

Das reichhaltige akademischen Angebot in Wien wurde dem jungen Feldkircher zu einer sprudelnden Quelle, um seinen Wissensdurst zu stillen. Neben naturwissenschaftlichen Vorlesungen besuchte er Lehrveranstaltungen in Philosophie und Psychologie, in Ethik und Pädagogik, in Literatur- und Musikgeschichte. Seine Abende verbrachte Wachter in all seinen Wiener Jahren fast ausschließlich im Burgtheater, für das er sich eine Dauerkarte leistete.

Ein Fackelträger der Kultur
Im 1884 eröffneten „k.k. Naturhistorischen Hofmuseum“ arbeitete Dr. Wachter von 1898 bis 1919.

Die naturwissenschaftliche Fakultät der Universität war ähnlich in Abteilungen gegliedert wie das „k.k. Naturhistorische Hofmuseum“, das 1884 den Prachtbau am Ring bezog und von der Republik als „Naturhistorisches Museum“ weitergeführt wurde. Ferdinand Wachter machte seine Hauptstudien am Mineralogisch-Petrographischen Institut, an dem er bald auch als Demonstrator für jüngere Semester tätig war. Da der Institutsvorstand zugleich Leiter der mineralogischen Sammlung des Museums war, erhielt Wachter ein Dissertationsthema, das den damaligen aktuellen Erfordernissen des Museums geschuldet war. Der Thronfolger Franz Ferdinand hatte in den Jahren 1892/93 eine Weltreise unternommen und etwa 14.000 Objekte als „Jagdtrophäen“ mitgebracht, die auf die entsprechenden Museen zur genaueren Untersuchung und Katalogisierung aufgeteilt wurden. Wachter erhielt die „Porphyrischen Gesteine von Guadalcanar“ zugeteilt. Guadalcanar (heute Guadalcanal) ist die Hauptinsel der Salomonen, einer Inselgruppe östlich von Papua Neu Guinea. Im Zweiten Weltkrieg entzündete sich hier eine der verlustreichsten Seeschlachten zwischen den USA und Japan.

Im Dezember 1899 wurde Wachter zum Doktor promoviert, nachdem er die Untersuchung und Beschreibung des ozeanischen Gesteins erfolgreich abgeschlossen hatte. Der Zweitgutachter seiner Dissertation war niemand geringerer als der berühmte Physiker Ludwig Boltzmann. Selber war Wachter aber mit seiner wissenschaftlichen Abschlussarbeit nicht ganz zufrieden. Eine ihm angebotene Publizierung lehnte er ab.

Bereits ein Jahr vor seinem Studienabschluss erhielt Wachter eine Anstellung als „besoldeter Volontär“ in der Mineralogisch-Petrographischen Abteilung des Naturhistorischen Museum und wurde schließlich noch vor Kriegsbeginn 1914 zum „Kustos“ ernannt. Einrücken musste er nicht, da er zu dieser Zeit bereits kurzsichtig und kränklich war. Während des Krieges ordnete er Mineralien und Gesteine und besorgte die Bibliotheksgeschäfte, musste aber zunehmend Krankenstände anmelden.

Als die junge Republik im Jahr 1919 daranging, den k.k. Beamtenapparat abzuschlanken, nahm Dr. Ferdinand Wachter ein Pensionierungsangebot an und begab sich heim nach Feldkirch.

Der Theatermacher

So wie andere Lebensbereiche auch war das kulturelle Leben in der Stadt Feldkirch durch den Krieg nahezu zum Erliegen gekommen. Der tägliche Kampf ums Überleben, die Sorge um die Soldaten und die politischen Ungewissheiten ließen wenig Platz und Zeit für kulturelle Betätigungen. Wachter aber war der festen Überzeugung, dass der materielle Wiederaufbau von einem kulturellen begleitet werden musste. Dem galt nun das gesamte Engagement des im Elternhaus wiedererstarkten Frühpensionisten.

Den bescheidenen Möglichkeiten der Nachkriegszeit entsprechend begann Dr. Wachter seine Kulturmission ab Sommer 1919 mit Lesungen aus den Werken bekannter Dichter. Der Erlös kam jeweils der Kriegsgefangenenhilfe zugute. Dass aber selbst Veranstaltungen, in denen Werke anerkannter Künstler aufgeführt wurden, in die maßlose Kritik deutsch-völkischer Ideologen geraten konnte, musste der wohlmeinende Kulturfreund mehrfach erfahren. Besonders als an einem Abend Gedichte von Heinrich Heine und Musik von Richard Wagner vorgetragen wurden, echauffierten sich Antisemiten über die Nebeneinanderstellung der beiden.

Bereits im Mai 1920 wurde schon nicht mehr nur deklamiert, sondern zwei Einakter gespielt. Einer der Jugendlichen, die Wachter für eine Rolle begeistern konnte, war der spätere Direktor des Landestheaters Richard Wegeler.

Anlässlich von Beethovens 150. Geburtstag organisierte Wachter zusammen mit dem Kirchenchor unter Toni Schmutzer einen Kammermusikabend, ein Pontifikalamt und eine Beethoven-Feier, bei welcher Dr. Wachter eine „beifälligst aufgenommene Festrede“ hielt. Mit dem Veranstaltungszyklus beabsichtigte er, „in unser trostloses Dunkel für einen kurzen Augenblick wieder einmal einen wohltätigen Sonnenstrahl fallen zu lassen“. Diese im Feldkircher Anzeiger geäußerte Absicht war der Impetus für seine zahlreichen Initiativen.

Bereits 1921 hatte Wachter so viele Theaterbegeisterte um sich geschart, dass er ein „Liebhaber-Theater“ gründen konnte, das nun regelmäßige Aufführungen bot. Die „Anstrengungen, Mühen und Enttäuschungen“, könne man sich nur schwer vorstellen, da Dr. Wachter „das Mädchen für alles“ sei, würdigte ein Kritiker das Wirken des „Bühnenleiters“. Bei etlichen dieser Theaterabende bot Ferdinand Andergassen musikalische Zwischenspiele. In allen großen Aufführungen führte Wachter nicht nur Regie, er spielte auch eine Hauptrolle. Dies nicht aus Eitelkeit, sondern meist deshalb, weil niemand so viel Text lernen wollte. Seine letzte vielbeachtete Inszenierung galt 1929 Grillparzers Lustspiel „Weh dem, der lügt“ mit den Schülern des Feldkircher Gymnasiums. Beide Aufführungen im Saalbau waren ausverkauft und vom Rezensenten Dr. Gottfried Riccabona hoch gelobt.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Dr. Ferdinand Wachter nicht nur unermüdlicher Akteur an der städtischen Kulturszene war, sondern auch interessierter Teilnehmer. Davon zeugen eine Reihe von Kritiken, die er für verschiedene Zeitungen schrieb. Dabei agierte er seinem Wesen entsprechend einfühlsam, die Leistungen der Kulturschaffenden anerkennend und nie besserwisserisch. Das ausführlichste Produkt aus seiner Feder hat er dem Feldkircher Musikdirektor Wunibald Briem gewidmet. Dieser Nachruf beschreibt nicht nur das umfassende Wirken des Meisters mit Kompetenz und Kenntnis, der ganze Text ist grundiert von warmherzigen Gefühlen für den Menschen und großer Bewunderung für den Musiker. Und wenn er Briem als einen Mann beschrieb, der „immer das Verbindende, Einigende, Versöhnende, nie das Trennende“ gesucht habe, so hat er hier auch sein eigenes Streben einfließen lassen.

Ein Fackelträger der Kultur
Das Feldkircher Haus der Familie Wachter an der Ecke Montfortgasse/Vorstadt. Hier wurde Dr. Wachter 1874 geboren und hier verstarb er 1931.

Seit 1930 kränkelte Wachter wieder, nachdem ihm nach seinen Wiener Zeit doch noch zehn produktive Jahre in Feldkirch geblieben waren. Am 16. Oktober 1931 verstarb er in seinem Elternhaus nach längerem Leiden. „Mit dem Heimgegangenen“, so ein Nachrufer im Vorarlberger Tagblatt, „ist wieder einer jener heute so seltenen Menschen aus dem Kreise der Lebenden geschieden, die sich die Begeisterung für alles Schöne und Gute über alle Trübsal und Ungunst der Gegenwart hinaus zu bewahren wussten.“

Der Naturwissenschaftler Dr. Ferdinand Wachter kam in schwerer Zeit zurück nach Feldkirch und brachte mit seiner Begeisterung für Theater, Literatur und Musik kulturelles Licht und menschliche Wärme in die dunkel-kalte Nachkriegszeit.

Der Historiker Meinrad Pichler stellt in der Serie „Avantgarde“ historische Persönlichkeiten in und aus Vorarlberg vor, die auf wirtschaftlichem, sozialem oder kulturellem Gebiet vorangegangen sind beziehungsweise vorausgedacht haben und damit über ihre Zeit hinaus wirksam wurden. Neben biografischen Stationen gilt es deshalb vor allem zu zeigen, was diese Personen öffentlich Bleibendes geschaffen, erfunden oder erdacht haben. Da durch aktuelle Gegebenheiten wieder vieles neu gedacht und eingerichtet werden muss, sind innovative Köpfe immer gefragt.