Paar will Traumatisierten in der Ukraine helfen

Vorarlberg / 31.07.2023 • 15:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Johannes Neumayer mit seiner Lebensgefährtin Anna Mamay-Gassner.
Johannes Neumayer mit seiner Lebensgefährtin Anna Mamay-Gassner.

Der Hohenemser Kommunikationsexperte Johannes Neumayer und seine Lebensgefährtin Anna Mamay-Gassner wollen in den Ukrainischen Karpaten ein Trauma-Therapiezentrum errichten und betreiben.

HOHENEMS Das Schicksal zog seine Fäden, als der Hohenemser Kommunikationsexperte Johannes Neumayer (39) Anfang 2020 Anna Mamay-Gassner, eine Deutsche mit ukrainischen Wurzeln, über eine Onlineplattform kennenlernte. Bereits nach dem ersten Date ist beiden klar, dass sie miteinander durchs Leben gehen wollen. Neumayer lernte die Ukraine durch Anna kennen. „Sie zeigte mir ihr Heimatland und stellte mich ihrer Familie vor, die in der Großstadt Riwne lebt.“

Als in der Ukraine im Februar 2022 der Krieg ausbricht, versucht Annas jüngere Schwester Anastasia mit ihrem Mann Siroscha und ihrer Tochter Anna über die polnische Grenze zu fliehen. Doch Siroscha kommt nicht raus aus der Ukraine, weil bereits das Kriegsrecht ausgerufen worden war und kein wehrfähiger Mann das Land mehr verlassen durfte. Die Familie will nicht auseinandergerissen werden und findet bei Verwandten am Land Unterschlupf. Doch der Krieg kommt immer näher. Als Raketen unweit ihrer Unterkunft einschlagen, beschließt Anastasia mit ihrer kleinen Tochter mit einem Bus das Land zu verlassen.

Auch Lehrlinge der Bauakademie Hohenems engagierten sich für die Ukraine. Sie beluden die Lastwagen.
Auch Lehrlinge der Bauakademie Hohenems engagierten sich für die Ukraine. Sie beluden die Lastwagen.

“Nach einer 40-stündigen Fahrt sind sie in Vorarlberg angekommen. Wir haben sie aufgenommen. Anastasia und ihr Kind leben nun bei uns im Haus, unsere Vermieterin hat ihnen ein Gästezimmer zur Verfügung gestellt“, berichtet Neumayer. Und: „Die kleine Anna geht inzwischen in den Kindergarten und Anastasia arbeitet bei einer Torten-Designerin.“ Siroscha hingegen, der noch immer in der Ukraine lebt, droht die Einberufung. „Der Rekrutierungsdruck steigt. Siroscha absolviert gerade eine Ausbildung zum Programmierer. Er hofft, dass er zur Cyber-Einheit kommt.“

Nach Kriegsausbruch ging es bei Neumayer und seiner Partnerin rund. „Wir haben viele Anrufe und Mails von Verwandten, Freunden und Bekannten bekommen. Alle wollten den Ukrainern helfen.“ Dem Paar wurde im Laufe der Monate eine große Menge von Hilfsgütern – von Kleidung über Lebensmittel bis hin zu Medikamenten und Wasserfiltern – anvertraut. „Wir haben dann Kleinpakete verschickt.“ Was klein und amateurhaft begann, wurde immer größer und professioneller. Der Verein „Einig – Verein für Ukrainehilfe“ wurde gegründet und mit Serhi, einem Mitarbeiter des Infrastrukturministeriums in Kiew, ein Partner gefunden, der es ermöglichte, legale Hilfstransporte in die Krisengebiete durchzuführen.

Die kleine Anna jubelt. Sie freut sich über die vielen Kleiderspenden.
Die kleine Anna jubelt. Sie freut sich über die vielen Kleiderspenden.

Der erste Lkw, der aus dem Ländle in Richtung Ukraine fuhr, war voll mit Winterschutzbekleidung, Kleidersäcken, medizinischen Geräten und 30 Flaschen Betäubungsmittel. Letzteres landete in einem Feldspital. „Mit dem Betäubungsmittel konnten viele Operationen durchgeführt und Leben gerettet werden. Da erkannten Anna und ich, wie wichtig und sinnvoll das ist, was wir tun.“ Der zweite Lkw transportierte ein kleines „Gesundheitszentrum“, also medizinische Geräte und Operationsbedarf, der dritte Lastwagen brachte eine voll ausgestattete Zahnarztpraxis samt Labor ins Land des Krieges und so viele Wasserfilter, dass mit ihnen mehr als 500.000 Liter Trinkwasser gemacht werden können. „Inzwischen haben wir Hilfsgüter im Wert von einer Million Euro in die Ukraine gebracht“, freut sich Neumayer über das Erreichte.

Ihn erfüllt sein Tun. „Es geht einem besser, wenn man sieht, dass man helfen kann. Nur zuschauen könnten Anna und ich nicht.“ Überhaupt imponiert ihm der Patriotismus seiner Lebensgefährtin und der enorme Zusammenhalt der Ukrainer. „Als 2014 die Krim von Russland besetzt und annektiert wurde, finanzierte Anna ihrem Nachbarn eine Militär-Ausrüstung, weil dieser in den Kampf zog.“

Eine voll ausgestattete Zahnarztpraxis als Spende – da freuen sich nicht nur Anna und Johannes riesig.
Eine voll ausgestattete Zahnarztpraxis als Spende – da freuen sich nicht nur Anna und Johannes riesig.

Das binationale Paar hat schon sehr viel erreicht in Sachen Ukraine-Hilfe. Aber es hat noch wesentlich mehr vor. „Anna kaufte vor dem Krieg ein 1,7 Hektar großes Grundstück in den Karpaten. Hier möchten wir ein Trauma-Therapiezentrum für traumatisierte Menschen errichten und betreiben“, informiert Neumayer. Der engagierte Kommunikationsexperte hofft, dass das Projekt mit Spendengeld realisiert werden kann.

In Rostoka, einem Bauerndorf in den Ukrainischen Karpaten, soll das Trauma-Therapiezentrum entstehen.
In Rostoka, einem Bauerndorf in den Ukrainischen Karpaten, soll das Trauma-Therapiezentrum entstehen.
Johannes Neumayer mit seinem Erstlingswerk "Im Krieg aus der Ferne". <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Johannes Neumayer mit seinem Erstlingswerk "Im Krieg aus der Ferne". Roland Paulitsch

Was das Paar und seine Helfer bisher auf die Beine stellten, hatte Hand und Fuß. Davon kann man sich in dem Buch „Im Krieg aus der Ferne“ überzeugen, das Neumayer heuer geschrieben hat. „Darin habe ich unsere Geschichte erzählt und alles zusammengefasst, was wir erlebten und bewegen konnten.“ Das Buch berührt, es erzählt von Kulturen und Familien, die verschmelzen, von den Grausamkeiten des Krieges, von geretteten Leben und was man mit Resilienz und Willen erreichen kann, wenn man nicht aufgibt. Der Bucherlös fließt zur Gänze in das Projekt „Trauma-Therapiezentrum“. Neumayer hofft, dass er auch die Leser seines Buchs dafür gewinnen kann, zu spenden. „Vielleicht werden sogar Hilfsorganisationen wie der Lions-, der Rotary- oder der Kiwanis-Club auf uns aufmerksam und unterstützen unser Projekt in den Karpaten?“  

Neumayers Buch berührt. Es erzählt von Kulturen und Familien, die verschmelzen, von den Grausamkeiten des Krieges, von geretteten Leben und was mit Resilienz und Willen erreicht werden kann.
Neumayers Buch berührt. Es erzählt von Kulturen und Familien, die verschmelzen, von den Grausamkeiten des Krieges, von geretteten Leben und was mit Resilienz und Willen erreicht werden kann.