Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Wo bleiben Contenance und Mitgefühl?

Vorarlberg / 13.11.2023 • 18:20 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Contenance wahren, also die Fassung zu behalten, das ist heute für viele eine zu schwierige Übung. Lieber gleich andere mit anderen Ansichten beschimpfen und die eigene Meinung herumbrüllen, gerade auch in der digitalen Öffentlichkeit der Social-Media-Plattformen. Das zeigt sich nicht nur rund um den Krieg im Nahen Osten, der durch den Terrorangriff der Hamas auf Israels Zivilbevölkerung ausgelöst wurde. Nein, es zeigt sich in nahezu jeder öffentlichen Diskussion, egal ob es um gendergerechte Sprache, die Eignung von Parteispitzen oder um Antisemitismus und Rassismus geht. Contenance ist Schwäche, befinden die Emotionsschleudern.

Wir leben in einer Zeit der Emotionsstürme, in der die Motive hinter den Gefühlsäußerungen unterschiedlich und die Widersprüche groß sind. So wird die Bezeichnung „unaufgeregt“ gerne als Lob verteilt – ein unaufgeregter Kommentar, ein unaufgeregter Mensch – , während sich gleichzeitig viele jener, die die Unaufgeregtheit bewundern, dauernd aufregen. Eine Widersprüchlichkeit, die durch das Internet als Kultur- und Affektmaschine, wie es der deutsche Kultursoziologe Andreas Reckwitz charakterisiert, zusehends verschärft wird. Immer mehr Menschen drücken im öffentlichen Diskurs auf die Emotions-Tube, ohne Gedanken an die möglichen Verluste zu verschwenden. Differenzierung, Gefühle anderer, Konsequenzen ihres Tuns – alles zweitrangig.

Hauptsache: Anerkennung

Ein Motiv dafür kann sein, sich selbst von innerem Druck entlasten zu wollen, etwa aktuell von den schrecklichen Bildern aus Israel oder Gaza. Das kann man machen, doch es ist rücksichtslos und das sollte man so benennen. Wer sich belastet fühlt, könnte ja mit vertrauten Menschen sprechen oder im Krisenfall zur Psychologin, zum Psychiater gehen. Ein anderes Motiv für die laute Emotion kann die Suche nach Aufmerksamkeit sein. Auch das ist legitim, aber egozentrisch motiviert und kein Dienst an der Gesellschaft, also bitte nicht so zu verbrämen. Reckwitz beschreibt den Antrieb für die Gefühligkeit im Internet klar: Als „Wettbewerb um Sichtbarkeit und Anerkennung“ – man kämpft um Klicks, Likes, Reposts.

Bleibt ein uneingeschränkt nachvollziehbares Motiv, seine Gefühle öffentlich zu demonstrieren: Die direkte Betroffenheit durch ein Problem oder eine schwierige Lage. Hier muss man den Menschen verstehen und seine Emotion respektieren.

Was dabei allerdings auffällt: Die tatsächlich Betroffenen finden oft keine Worte oder wollen sie nicht in die Welt hinausposaunen. Sie versuchen, zurecht zu kommen, außerhalb der Affektmaschine. Dabei kann man sie durch den aufrichtigen Versuch des Mitgefühls begleiten, das sich nicht lautstark aufdrängt.

„Immer mehr Menschen drücken im öffentlichen Diskurs auf die Emotions-Tube, ohne Gedanken an die möglichen Verluste zu verschwenden.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.