VN-Nahostexperte gestorben

Heinz Gstrein (81) war auch jahrzehntelang Korrespondent für den Balkan und Osteuropa.
SCHWARZACH Der österreichisch-schweizerische Orientalist, orthodoxe Theologe, Journalist, Sachbuchautor und Universitätslehrer Dr. Heinz Gstrein ist am
1. Dezember 2023 kurz vor seinem 82. Geburtstag in einem Wiener Krankenhaus gestorben. Über fünf Jahrzehnte war er als Korrespondent aus dem Nahen Osten, dem Balkan und Osteuropa für die VN tätig.
Ergänzend dazu entfaltete er in Vorarlberg eine rege Vortragstätigkeit. Nach einem Vortrag über die „Russische Mafia“ wurde Heinz Gstrein bei einem tätlichen Angriff auf ihn schwer verletzt und anschließend unter Polizeischutz gestellt.
Der Chefredakteur der VN, Gerold Riedmann, würdigt den Verstorbenen: „Wir sind voller Dankbarkeit für die unzähligen Beiträge, mit denen unser Nahostkorrespondent Dr. Heinz Gstrein über Jahrzehnte die Geschehnisse in der arabischen Welt, in Osteuropa und am Balkan so gekonnt eingeordnet hat. Er musste seinen Journalismus gegen Diktatoren, machthungrige Despoten und damit Zensoren verteidigen. Gstrein hat die Vorgänge einer heute mehr denn je instabilen Region zu den Vorarlberger Leserinnen und Lesern gebracht. Unsere Redaktion wird ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren.“
Der Verstorbene setzte sich mutig für die Christen, die in islamischen Staaten leben, unterdrückt und verfolgt werden, ein. Außerdem beschrieb er die Situation syrischer Christen im Bürgerkrieg. 2010 verfasste er ein Gutachten zur Verfassungswidrigkeit und besonderen Gefährlichkeit der Organisation „Islamischer Zentralrat Schweiz“. Darin forderte er deren Verbot, weil sie nicht mit den schweizerischen Rechtsnormen vereinbar sei.
Kurz vor seinem Tod sagte Heinz Gstrein, dass ihm sein gebrochenes Knie die „zweitschlimmsten Schmerzen seines Lebens“ bereitet hätten. Die schlimmsten aber habe man ihm bei der Folterung im Tschad zugefügt, an deren Folgen er bis zu seinem Tod litt.
Heinz Gstrein wurde am 16. Dezember 1941 in Innsbruck geboren. Nach der 1960 in Innsbruck mit Auszeichnung abgelegten Matura studierte er Orientalistik, Osteuropäische Geschichte und Byzantinistik in Innsbruck, Istanbul, Paris und Wien, wo er zum Dr. phil. promoviert wurde. Von seinen Eltern römisch-katholisch getauft, wurde er am 12. Juli 1961 in die Russisch-Orthodoxe (Auslands-)Kirche aufgenommen.
Im Jahre 1964 beschäftigte der damalige Furche-Chefredakteur Kurt Skalnik Heinz Gstrein als Feuilletonisten und Rezensenten. Mit Skalniks Hilfe wurde er 1965 in Nürnberg beim Sebaldus- und Michael-Sailer-Verlag als Redakteur und Lektor angestellt. Schon im Alter von 25 Jahren wurde ihm die Stelle des Chefredakteurs bei der Tageszeitung „Athener Kurier“ angeboten. Gstrein erinnerte sich: „Der 1967 etablierten griechischen Militärdiktatur verdankte ich meinen ersten Buchauftrag aus München, das 1969 erschienene Sachbuch ,Zum Beispiel Griechenland‘. Meine Kritik an der Athener Diktatur führte aber zu meiner Ausweisung, sodass ich angesichts meines orientalistischen Hintergrunds nach Kairo übersiedelte. Dort sicherte mir die Korrespondententätigkeit für die ,Presse‘ und den ORF den Lebensunterhalt.“
Damals bekam Gstrein fast jedes Jahr den Auftrag, ein Sachbuch zum Nahen Osten zu schreiben. Einen Zwischenaufenthalt in Rom nutzte er für die Übersetzung einer Biografie von Papst Johannes XXIII. aus dem Russischen.
Nach der „Wende“ lebte Gstrein, im Brotberuf Vertreter einer österreichischen Transportfirma, in Tirana, Minsk und Moskau, bis ihn 1995 die „Neue Zürcher Zeitung“ als Mitarbeiter in Athen anstellte. Daraus entwickelte sich 2001 eine Stelle am Institut G2W – Ökumenisches Forum für Glauben, Religion und Gesellschaft in Ost und West in Zürich. Eine Rückschau auf all diese Erlebnisse und Tätigkeiten veröffentlichte er nach seiner Übersiedelung nach Wien 2011 unter dem Titel „Gedanken eines Journalisten“. Als Universitätslehrer hielt er Vorlesungen beim interdisziplinären postgradualen Universitätslehrgang „Balkanstudien“ an der Universität Wien.
Die letzten Jahre verbrachte Heinz Gstrein mit seiner Frau, Kindern und Enkelkindern in Wien. Dort wird er auch auf dem griechisch-orthodoxen Friedhof seine letzte Ruhestätte finden. EE
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