„Patienten“ mit HIV infiziert: Knapp 13 Jahre für „Heiler“

Welt / 22.03.2013 • 21:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Schweizer Musiklehrer steckte mindestens 16 Menschen gezielt mit dem Aids-Erreger an.

Bern. Ein 54-jähriger Musiklehrer, der sich selbst als „Heiler“ sieht, hat mindestens 16 Menschen mit HIV und teilweise mit dem Hepatitis-C-Virus angesteckt. Das Blut soll er jahrelang einem HIV-positiven Mann abgezapft haben, dem er eine mögliche Heilung vorgaukelte. Nun muss der Mann wegen schwerer Körperverletzung und dem Verbreiten von Krankheiten zwölf Jahre und neun Monate in Haft. Das Motiv blieb auch gestern weiter unklar.

Angeklagter gibt Opfern Schuld

Der Gerichtspräsident Urs Herren sprach am Freitag von einem „skrupellosen, hinterhältigen, sinnlosen und ­menschenverachtenden“

Vorgehen. Opfer sagten aus, dass der Mann sie vermutlich ansteckte, um mit einer versprochenen Heilung Geld zu verdienen.

Das nicht rechtskräftige Urteil nahm der Berner am Freitag ohne jede Regung auf, streitet weiter alles ab und gibt den Opfern die Schuld. Seine Opfer hätten sich selbst durch ungeschützten Geschlechtsverkehr angesteckt oder Drogen gespritzt, meinte er. Das Spital, das Gericht und die Aidshilfe hätten die Opfer dann „aktiv auf mich gehetzt“, war sich der Mann sicher. Viele seiner „Patienten“ seien nämlich
neidisch auf sein Haus gewesen.

Blut stammt von HIV-Positivem

Der Musiklehrer hatte einige seiner Patienten außer mit HIV auch mit Hepatitis C infiziert. Dabei stach er die Menschen unter Vor­wänden, wie zum Beispiel einer Akupunktur-Behandlung. Zeugen berichteten, K.-o.-Tropfen verabreicht bekommen zu haben, während der Bewusstlosigkeit habe sie der Musiklehrer dann gestochen.

Das Blut besorgte sich der Berner von einem HIV-positiven Mann, der jahrelang zu ihm kam. Vor Gericht sagte der Mann aus, dass er sich von dem Angeklagten regelmäßig Blut abzapfen ließ, um es von einem „Schamanenkreis“ analysieren zu lassen.

Ans Licht kam die Geschichte, als sich 2004 Verdachtsfälle häuften: Im Berner Inselspital wurde bei mehreren Menschen HIV diagnostiziert, die den Musiklehrer aufgesucht hatten. Danach nahm die Justiz ihre Untersuchungen auf. Bis zur Anklage dauerte es sieben Jahre, weil einige Betroffene nicht gleich der Weitergabe ihrer Identität zustimmten.

Obwohl es sich um ein noch nicht rechtskräftiges Urteil in erster Instanz handelt, muss der Mann im Gefängnis bleiben. Das Gericht ordnete eine Sicherheitshaft an. Während des Prozesses hatte sich der Berner 24 Stunden vor der Polizei in seinem Haus verschanzt, statt an der Verhandlung teilzunehmen. Die Beamten mussten das Haus vergangene Woche stürmen und nahmen den bewaffneten Mann fest.

Das Vorgehen war „skrupellos, hinterhältig, sinnlos und menschenverachtend“.

Urs Herren, Gerichtspräsident