Lampedusa: Vorwürfe gegen Küstenwache

Welt / 06.10.2013 • 21:47 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Fischer behaupten, die Helfer seien viel zu spät am Unglücksort gewesen. Weitere 83 Leichen geborgen.

Lampedusa. Nach dem Flücht­lingsdrama vor der italienischen Insel ­Lampedusa erhebt ein Zeuge schwere Vorwürfe gegen die Rettungskräfte. Die Küstenwache habe 45 Minuten gebraucht, bis sie den etwa 500 Meter vor der Küste gelegenen Unglücksort erreicht habe, sagte Marcello Nizza, der am frühen Donnerstagmorgen mit einem Fischerboot in der Nähe des gekenterten Schiffs unterwegs war. Zusammen mit seinen sieben Begleitern kam er den Opfern zu Hilfe. Nizza beschuldigte die Küstenwache auch, die Rettung weiterer Überlebender behindert zu haben. Mit 47 Überlebenden habe sein Boot den Hafen von Lampedusa erreicht. Er sei dann aber daran gehindert worden, wieder aufs Meer zu fahren, weil hierfür keine offizielle Erlaubnis vorgelegen habe. Ein Sprecher der Küstenwache widersprach dieser Darstellung. Eine offizielle Erlaubnis sei nicht nötig gewesen. Es sei aber die Aufgabe der Küstenwache, die Rettungsaktion zu koordinieren und ein Chaos zu verhindern.

Suche nach Opfern fortgesetzt

Die Suche nach Leichen war am Sonntagmorgen nach zweitägiger Unterbrechung wegen stürmischer See fortgesetzt worden. 83 weitere Leichen wurden geborgen. Die Zahl der bestätigten Todesopfer stieg damit auf mindestens 194. Mehr als 150 Menschen sind noch vermisst.

Überlebende im Visier der Justiz

Das Flüchtlingsdrama vor Lampedusa hat in Italien und Europa eine Debatte über die Einwanderungsgesetze ausgelöst. Staatspräsident Giorgio Napolitano verlangte neue Gesetze zum Umgang mit Flüchtlingen und Asylbewerbern. Andere Politiker machten sich für eine Überarbeitung des restriktiven Gesetzes zu illegaler Einwanderung aus dem Jahr 2002 stark. „Im Licht dieser Tragödie muss das Bossi-Fini-Gesetz noch einmal überprüft werden“, so Senatspräsident Pietro Grasso. Gegen die 155 Überlebenden des Unglücks soll wegen illegaler Einwanderung ermittelt werden. Den Afrikanern droht eine Geldstrafe von bis zu 5000 Euro.

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