Krebsrate bei Kindern in Fukushima angestiegen

Welt / 09.10.2015 • 22:38 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Drei der sechs Reaktoren wurden bei der Katastrophe zerstört und das umliegende Gebiet radioaktiv verseucht.  Foto: AP
Drei der sechs Reaktoren wurden bei der Katastrophe zerstört und das umliegende Gebiet radioaktiv verseucht. Foto: AP

Laut einer Studie sind nach dem Reaktorunglück mehr Kinder an Schilddrüsenkrebs erkrankt.

Tokio. Nach dem Atomunglück von Fukushima im März 2011 versicherte die japanische Regierung immer wieder: Die freigesetzte Strahlung wird keinesfalls zu mehr Krebserkrankungen in der Umgebung führen. Eine neue Studie meldet nun Zweifel an. Die Autoren fanden heraus, dass bei Kindern in der Nähe des zerstörten Reaktors 20 bis 50 Mal so häufig Schilddrüsenkrebs diagnostiziert wurde wie statistisch zu erwarten wäre.
Die meisten der rund 370.000 Kinder in der Präfektur Fukushima erhielten nach dem Unglück Vorsorgeuntersuchungen mit Ultraschall. Die jüngsten Statistiken vom August zeigten, dass bei 137 Kindern Schilddrüsenkrebs diagnostiziert wurde oder der Verdacht darauf besteht. Ein Jahr zuvor waren es noch 25 Kinder weniger. Normalerweise taucht die Erkrankung geschätzt nur bei einem oder zwei von einer Million Kindern pro Jahr auf. „Das sind mehr als erwartet und es steigert sich schneller als erwartet“, sagt der Hauptautor der Studie, Toshihide Tsuda.

Kurz nach der Katastrophe erklärte der damals leitende Arzt in Fukushima, Shunichi Yamashita, mehrfach, die ausgetretene Strahlung werde nicht zu mehr Erkrankungen in der Bevölkerung führen. Die Schilddrüsenuntersuchungen waren nach Regierungsangaben nur eine Vorsichtsmaßnahme. Tsuda erklärt nun, die jüngsten Resultate der Kontrollen ließen Zweifel an den Beteuerungen der Regierung aufkommen.

Wissenschaftler bewerten Tsudas Schlüsse unterschiedlich. So erklärt Scott Davis, Professor für Epidemiologie in Seattle, der vorliegenden Studie mangele es an individuellen Daten, um die tatsächliche Strahlenbelastung der Kinder abschätzen zu können. Davis schließt sich den Einschätzungen der WHO und des wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung an, die beide vorhersagten, die Krebsraten in Fukushima würden etwa gleich bleiben.

Flucht aus „sicherer Gegend“

Schlussfolgerungen über einen Zusammenhang zwischen der Strahlung und Krebserkrankungen in Fukushima sind entscheidend zum Beispiel für Entschädigungszahlungen für die Betroffenen. Und sie könnten noch andere politische Entscheidungen in der Zukunft beeinflussen. Schon jetzt sind viele Menschen aus Gegenden geflohen, die von der japanischen Regierung für sicher erklärt wurden.
Ein Gebiet von rund 20 Kilometern um den zerstörten Reaktor wurde zum Sperrgebiet erklärt. Allerdings werden die Grenzen dieser Zone ständig neu gezogen.