Indien vernetzt Flüsse

Welt / 11.11.2015 • 22:50 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Folgen sind Umweltschützern zufolge ein soziales und ökologisches Desaster.

Neu-Delhi. Das Dorf Dodhan mitten von Indiens Tigerreservat Panna wird von einer Dürre heimgesucht. Vom Fluss Ken, der sich durch das Schutzgebiet mit seinen Tigern, Krokodilen, Geiern und zehn Stammesdörfern schlängelt, sind nur noch vereinzelte Tümpel übrig.

Dennoch soll die Gegend das wenige Wasser, das sie hat, bald abgeben. Die Zentralregierung will den Wasserlauf aufstauen und jedes Jahr 660 Millionen Kubikmeter in den Fluss Betwa im benachbarten Bundesstaat Uttar Pradesh umleiten.

Menschen müssen weichen

Für das Projekt wird ein Drittel des Parks geflutet – dabei müssen 1600 Familien weichen, und die 32 Tiger des
Reservats werden von anderen Schutzgebieten abgeschnitten. Das Projekt sei „ein zukünftiges soziales und ökologisches Desaster“, meint ein Umweltschützer. Im Dezember soll der Bau beginnen.

Genehmigung steht noch aus

Noch fehlt für den Bau des Dammes und des 220 Kilometer langen Kanals die endgültige Genehmigung durch einen Ausschuss, der vom Obersten Gericht eingesetzt wurde. Die Regierung macht Druck. Das Projekt in Panna ist nur der erste Teil eines gigantischen Programms zur Verbindung von 37 indischen Flüssen.
Das mehr als 150 Milliarden Euro teure Vorhaben soll Indiens andauernde Probleme mit Fluten und Dürren in den verschiedenen Landesteilen lösen. Geplant sind fast 15.000 Kilometer neue Wasserstraßen.

Die zuständige Behörde für Wasserentwicklung NWDA erklärt, durch die Dämme und Kanäle könnten Felder bewässert, Strom erzeugt sowie Häuser und Fabriken mit Wasser versorgt werden. Flussökologe Brij Gopal warnt vor den Schäden für die Umwelt, wenn in den Mündungen der Flüsse plötzlich viel Wasser fehle. Auf der anderen Seite führe übermäßige Bewässerung dazu, dass die fruchtbare Erde davongeschwemmt werde, erklärt Himraj Dang, ein Infrastruktur-Berater in Neu-Delhi. Und überhaupt: „Es ergibt keinen Sinn, zwei Flüsse zu verbinden, die den Monsunregen zur gleichen Zeit abbekommen.“

Die Bewohner in Panna machen sich derzeit Sorgen um die wichtigste Einnahmequelle der verarmten Region: die Tiger. Durch den Stausee würden die Tiere des Reservats von benachbarten Tiger-Populationen getrennt, sagt Raghu Chundawat, ein Wissenschaftler, der seit 1995 die Tiger in Panna untersucht. „Die Raubkatzen müssen dann in andere Richtungen gehen“, sagt er.

In den 2000er Jahren hatte der Nationalpark durch Wilderei schon einmal alle seine Tiger verloren. Umgerechnet mehr als neun Millionen Euro wurden ausgegeben, um die Tiere wieder in Panna heimisch zu machen.