Holzkohle in Haiti besser als ihr Ruf

Welt / 02.02.2017 • 22:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Fast alle Haushalte im Land verwenden Holzkohle zum Kochen. AP
Fast alle Haushalte im Land verwenden Holzkohle zum Kochen. AP

Es sollen „Energie-Wälder“ entstehen, um Holz für Kohle und als Brennmaterial zu gewinnen.

Maniche. Beißende Rauchschwaden ziehen täglich über das Hinterland im Süden Haitis hinweg. Die Dorfbewohner schichten das qualmende Holz unter Erdhügeln auf, um die Holzkohle herzustellen, die fast alle Haushalte im Land zum Kochen verwenden. Behörden und Entwicklungsorganisationen verurteilten diese Tradition seit Jahrzehnten, wird sie doch für die Abholzung der Wälder und die Bodenerosion verantwortlich gemacht. Neuere Studien deuten jedoch daraufhin, dass die Holzkohle nicht die Wurzel allen Übels ist und möglicherweise sogar zur Existenzsicherung der Menschen beitragen kann.
„Holzkohle muss nicht der Feind sein“, erklärt Viktor Moise, Vorsitzender eines Agrarkollektivs in Maniche im Südwesten des Landes. „Wir wissen, wie wir sie herstellen können, ohne das Land zu töten.“ Mitglieder des Kollektivs schlagen Kassa- und Akazienbäume, belassen jedoch die Wurzeln im Boden, damit neue Pflanzen wachsen können. Neben den Bäumen wachsen abwechselnd auch Bohnen und Süßkartoffeln. Das hilft dabei, an steilen Hängen die Erosion von Mutterboden zu verhindern.

Studien ergaben, dass diese Art des Pflanzens in einigen Gebieten sogar dazu beiträgt, dass mehr Wälder wachsen, wie Chris Ward, der Direktor der Wiederaufforstungsinitiative „Haiti Takes Root“ erklärt. „Wir glauben, dass Holzkohle Teil der Lösung für Haitis Entwaldungsproblem sein kann“, sagt Ward. Gemeinsam mit der Weltbank finanziert seine Initiative daher einen Bericht, in dem analysiert werden soll, wie viel Holzkohle in die Hauptstadt Port-au-Prince geliefert wird und woher sie stammt.

Holzkohlebranche zulassen

Schon jetzt sprechen sich einflussreiche Politiker wie Umweltminister Simon Desras dafür aus, eine Holzkohle­branche zuzulassen und dann entsprechend zu regulieren. So könnten ganze „Energie-Wälder“ entstehen, die angepflanzt werden, um Holz für Kohle und als Brennmaterial zu gewinnen. Gleichzeitig sollen Zonen, in denen Holz-entnahmen verboten sind, besser kontrolliert werden. „Holzkohle kann nachhaltig sein, wenn wir schnellwachsende Bäume anpflanzen und viele Energie-Wälder aufbauen“, sagt Desras. „Wir müssen aber auch das Verhalten der Menschen ändern, damit sie geschützte Gebiete respektieren.“

Ähnliche Experimente werden bereits in anderen Ländern mit einem weit verbreiteten Gebrauch von Holzkohle unternommen, zum Beispiel in Tansania und Kenia. Haiti wurde lange vorgeworfen, seine Wälder rücksichtslos abgeholzt zu haben. In mehreren Studien hieß es, wegen der Holzkohle seien weite Teile des Landes eine kahle Mondlandschaft. Nur noch zwei bis vier Prozent seien mit Wald bedeckt. Nach der Analyse von Satellitenbildern und Luftaufnahmen gehen Forscher heute allerdings davon aus, dass diese Statistik nicht richtig ist. Tatsächlich wachsen Wälder wohl noch in einem Drittel des Landes. Die langjährige Behauptung, dass die Herstellung von Holzkohle für die Entwaldung von Haiti verantwortlich ist, lässt sich auch nach Einschätzung der Weltbank nicht halten. „Es gibt viele Hinweise, dass der Holzkohlehandel erst nach der Abholzung zahlreicher Wälder kam“, heißt es in einem Bericht.

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