Millionen von Zugvögeln landen auf den Tellern

24.04.2017 • 20:27 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„Die Jagd ist zum Wirtschaftsfaktor geworden, es handelt sich im Grunde um organisierte Kriminalität“, sagt Tassos Shialis von Birdlife.
„Die Jagd ist zum Wirtschaftsfaktor geworden, es handelt sich im Grunde um organisierte Kriminalität“, sagt Tassos Shialis von Birdlife.

Auf dem Weg ins Sommerquartier bleiben die Tiere in Netzen hängen oder an Leimruten kleben.

Nikosia. Die Luft ist erfüllt von verzweifeltem Flattern und Fiepen. Dazwischen hört man die lauten Rufe zweier Wilderer, die immer mehr Vögel in ein weit aufgespanntes Netz treiben. Anschließend pflücken sie die Tiere mit geübten Griffen aus dem feinmaschigen Geflecht, töten sie und packen sie in Plastikeimer.

Die Videoaufnahmen der britischen Vogelschutzorganisation RSPB sind nichts für schwache Nerven. Aufgenommen wurden sie im Herbst 2016 auf Zypern, wo Erhebungen zufolge allein zu diesem Zeitpunkt wieder mehr als 2,3 Millionen Wildvögel der illegalen Jagd zum Opfer fielen.

Die Jagd auf kleine Vögel ist im ganzen Mittelmeerraum verbreitet. In Südfrankreich ebenso wie auf Malta, in Italien und eben auch auf Zypern – die drittgrößte Mittelmeerinsel ist bei Zugvögeln als Zwischenstation besonders beliebt. Von der wahllosen Jagd sind Vogelschützern zufolge mehr als 150 Vogelarten betroffen, 78 davon stehen auf der EU-Liste gefährdeter Arten. In Restaurants und Tavernen angeboten werden unter anderem Nachtigallen, Mönchsgrasmücken, Bienenfresser, Rotkehlchen, Weidenlaubsänger und Singdrosseln. Sie stehen nicht auf der Speisekarte, sondern werden unter der Hand gehandelt. Alleine das zeige, dass man es auf Zypern mit einer Art Vogelmafia zu tun habe, sagt Tassos Shialis, der als Mitglied von Birdlife Cyprus den Nationalen Aktionsplan gegen illegale Vogeljagd koordiniert.

Erhebungen der Umweltschützer zufolge spannten die Vogelfänger im vergangenen Herbst mindestens 21 Kilometer engmaschiger Netze und hängten unzählige Leimruten auf. Um die Netze zu befestigen, werden im großen Stil Akazienbäume gepflanzt und mit den knappen Wasserressourcen der Insel bewässert. Die Bäume werden von den Tieren gerne als Anflugstationen genutzt, sind aber auf Zypern gar nicht heimisch.