Offener Camorra-Krieg hält Neapel in Atem

Welt / 06.06.2017 • 22:32 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

In der Stadt am Vesuv wurden in den vergangenen elf Tagen acht Morde registriert.

Neapel. Neapel erlebt derzeit einen Krieg rivalisierender Camorra-Clans. Acht Morde wurde in den vergangenen elf Tagen verübt. In der Nacht auf Dienstag wurde ein vorbestrafter 32-Jähriger mit Schusswunden ins Spital eingeliefert, wo er verstarb. Am Samstag war im Zentrum des Neapel-Vororts Afragola ein 52-Jähriger mit Verbindungen zum einflussreichen Clan Cennamo ermordet worden. Die Serie hatte am 25. Mai begonnen, als ein 72-Jähriger mit Verbindungen zum Clan Moccia erschossen worden war. 20 Personen wurden am Dienstag im Rahmen einer Razzia in den Vierteln Scampia und Secondigliano, in denen die Camorra Clans Di Lauro und Vanella Grassi besonders einflussreich sind, festgenommen. „Es ist unbestreitbar, dass das organisierte Verbrechen wieder verstärkt mordet“, berichtet der Anti-Mafia-Pfarrer Tonino Palmese.

Ein beispielloser Krieg um die Kontrolle des Territoriums und der illegalen Aktivitäten wie Drogen- und Waffenhandel sowie Prostitution und Wucher tobe im Großraum von Neapel, sagt der neapolitanische Bestsellerautor Roberto Saviano. Selbst die im Kampf gegen die Kriminalität eingesetzten Behörden erklärten sich angesichts dieser Gewaltwelle machtlos. Die Ermittlungsbehörden äußerten sich zunächst nicht zu etwaigen Zusammenhängen zwischen den einzelnen Verbrechen. Aber alle Opfer schienen Verbindungen zu einem der verschiedenen Clans zu haben. Neapels Bürgermeister Luigi de Magistris warf der italienischen Regierung vor, seine Stadt nicht genügend beim Kampf gegen das Verbrechen zu unterstützen.

Freilassung der „Bestie“

Sorge löst seit dieser Woche auch die mögliche Freilassung von Italiens meistgefürchtetem Mafia-Boss aus. Salvatore „Totò“ Riina, der ehemalige Anführer der sizilianischen Cosa Nostra, könnte wegen seines schlechten Gesundheitszustands das Gefängnis vorzeitig verlassen. Er habe wie jeder Häftling das „Recht auf einen Tod in Würde“, urteilte das oberste italienische Gericht am Montag in Rom. Ein anderes Gericht muss nun die Entscheidung treffen, ob Riina unter Hausarrest kommt. Der 86-Jährige trug den Spitznamen „Die Bestie“ und steckte in den 80er- und 90er-Jahren hinter vielen der bekanntesten Mafiamorden des Landes. Er wurde 1993 gefasst und bekam 13 Mal lebenslange Haftstrafen. Er sitzt in Parma im Hochsicherheitsgefängnis.