Mafia verdient an Landwirtschaft

09.05.2018 • 20:46 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Das Ghetto San Ferdinando zählt zu den größten Italiens. Hier findet die Mafia billige Arbeitskräfte.AP
Das Ghetto San Ferdinando zählt zu den größten Italiens. Hier findet die Mafia billige Arbeitskräfte.AP

Migranten werden von der „Agromafia“ skrupellos ausgebeutet.

Rom Im Morgengrauen kommen sie von überall her. Sie radeln zu Straßenkreuzungen und versammeln sich in kleinen Gruppen. Ein Transporter rumpelt über die Schlaglöcher der Straße, vorbei an Tierkadavern und Müll. Er hält und sammelt die Wartenden ein. Es geht auf die umliegenden Felder, wo Orangenbäume mit saftigen Früchten stehen. Hier in Kalabrien, an Italiens Stiefelspitze, ernten Migranten unter unmenschlichen Bedingungen Zitrusfrüchte, die dann auch nach Deutschland und Österreich weiterverkauft werden.

In der Gegend um den Ort Rosarno leben sie zu Tausenden in Slums, unter Plastikplanen ohne Strom und fließend Wasser. Das Ghetto San Ferdinando zählt zu den größten in ganz Italien. Niemand will die Migranten hier haben, und doch sind sie für die Landwirtschaft unabkömmlich: Um immer billigere Produkte herstellen zu können, die dann für immer weniger Geld in Supermärkten verkauft werden können. Sie arbeiten für einen Hungerlohn und sind rund um die Uhr, das ganze Jahr, einsatzbereit.

Im Hintergrund zieht auch die Mafia die Fäden, kontrolliert den Transport, den Verkauf oder die Organisation der ausgebeuteten Arbeiter. Das System hat in Italien längst einen eigenen Namen: Agromafia.

Der Verbraucher kann schwer feststellen, ob er mit seiner gekauften Ware ein modernes Sklavensystem mafiösen Charakters mitten in Europa unterstützt. „Das Problem ist, dass es keine Kontrolle gibt“, sagt der italienische Autor Antonello Mangano, der zahlreiche Recherchen dazu gemacht hat. Mit dem Kauf einer Zitrone, Orange oder Tomate in Deutschland und Österreich sei es also möglich, dass man indirekt auch in die Taschen der Mafia zahlt.

Zwar würde es in Italien regelmäßig Festnahmen, Beschlagnahmungen oder Strafen für mutmaßliche Kriminelle in der Landwirtschaft geben. „Aber danach geht es weiter wie vorher.“