“Viele Falschmeldungen über Italien”

Welt / 13.04.2020 • 10:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Viele Falschmeldungen über Italien"
Die Spanische Treppe in Rom, wo sich sonst täglich Tausende für Fotos zusammendrängen, ist verwaist. GEORG S.

Der Österreicher Georg S. lebt und arbeitet in Italien und ärgert sich über im Ausland verbreitete Fake-News.

Rom “Ich habe mir das genauer angeschaut, was in den letzten Tagen über illegale chinesische Schwarzarbeiter der italienischen Textilindustrie verbreitet wurde. Diese seien aus Italien zum Neujahrsfest nach China gereist, zurück nach Italien gekommen und hätten dann Covid-19 groß verbreitet. Was leider durch einige Medien verbreitet wurde”, berichtet der Österreicher Georg S., der in Italien lebt und arbeitet. “So hat der Gesundheitsstadtrat von Wien (Anm. Peter Hacker, SPÖ) kürzlich im Falter-Interview erwähnt, dass Schwarzarbeiter in Italien das Virus verbreitet hätten. Was auf Twitter von etlichen Leuten weitergetwittert wurde”, erzählt der Sinologe im Telefongespräch mit den VN.

S. habe aus Interesse recherchiert. “Das Interessante ist, dass dies nirgends in den italienischen Medien thematisiert wurde. Es gibt keine stichhaltigen Indizien.”

Suche nach Patient Null

Es sind viele Theorien, woher Patient Null gekommen sei, im Umlauf: “Es gab Spekulationen, dass es von einem bayerischen Geschäftsmann kam. Dann, dass es von der großen Messe für Speiseeis in Rimini (Anm. Fiera del Gelato di Rimini) Mitte Jänner von Geschäftsleuten aus China – konkret aus Wuhan – verbreitet wurde. Diese hatten ihren Stand neben Ausstellern der Lombardei. Diese Eisverkäufer hatten sich später alle schlecht gefühlt”, erzählt er. Hierzu existieren italienische Medienberichte.

“Aber die Theorie, dass es in der Lombardei 50.000 chinesische Schwarzarbeiter in der Textilindustrie gebe, stimmt definitiv nicht. Man hat keine stichhaltigen Beweise gefunden”, ärgert er sich über die Falschmeldung. Es gebe vielleicht in der Lombardei insgesamt 50.000 Chinesen, aber die würden bei Weitem nicht alle in der Textilindustrie arbeiten. Außerdem gebe es in den Orten der Provinz Lombarbei, in denen das Coronavirus stark aufgetreten sei, unterdurchschnittlich wenige Chinesen. „Und gerade in einem der ersten Orte, das war Codogno, wurde Patient 1 diagnostiziert und der Ort sofort abgeriegelt. Dort gibt es 38 gemeldete Chinesen, die allesamt negativ auf Covid-19 getestet wurden.“ Umgekehrt seien im Ort Prato bei Florenz in der Toskana, in dem die meisten chinesischen Textilarbeiter tätig sind, bis jetzt relativ wenige positiv getestete Coronafälle, außerdem sei laut einem Bericht des  italienischen Fernsehens kein Chinese darunter, so Georg S.

“Die Fake-News über chinesische Textilarbeiter (Anm. als Corona-Überträger) wurde anfangs von rechtsextremen Medien und Seiten zirkuliert und auch von Twitter-Accounts von einzelnen Vertretern der italienischen Lega und der FPÖ übernommen.” Es gäbe keine Indizien und genaueren Untersuchungen, die diese ‘Theorie’ gestützt hätten. Georg S.: “Uns haben Freunde aus Österreich vor einer Woche auf das Thema angesprochen. Einige Menschen hatten hier in Italien, als das Virus Ende Jänner in China voll ausgebrochen war, klar rassistische Auswüchse gegen Chinesen, die in Italien leben, erkennen lassen. Worüber die italienischen Medien berichteten: Eltern schickten zum Beispiel ihre Kinder nicht mehr zur Schule, wenn in den Klassen chinesische Kinder waren. Am Konservatorium in Rom sind alle asiatischen Schüler suspendiert worden.“ Unter den ersten positiv Getesteten sei laut dem Auslandsösterreicher ein chinesisches Touristenpaar gewesen, die wieder genesen nach China abgereist sind. Dass die Volksrepublik Schutzausrüstung und Ärzte nach Italien entsandte, wurde in Italien sehr positiv kommentiert. Da betreibe China, so S., eine geschickte PR-Aktion.

“Das Gesundheitssystem ist in der Lombardei nicht schlecht, laut OECD hat Italien aber gesamt weniger Intensivbetten als Österreich. Die Zahlen sind dermaßen explodiert, dass jedes System überfordert wäre. Die Italiener stehen zu einem großen Teil hinter den Maßnahmen.” Auch die Kritik, die Italiener hätten zu spät und halbherzig reagiert, dementiert er. Nach den ersten Fällen hätten die Italiener streng reagiert. Die Präsidenten der Lombardei hätten eher zu noch schärferen Maßnahmen aufgerufen als die Bundesregierung. “Es murrt hier niemand, dass Parks gesperrt sind. Die Disziplin vor den Supermärkten, mit großem Abstand der Wartenden, ist sehr gut”, so der Auslandsösterreicher.

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