Leben in Chaos und Müll

Welt / 05.04.2021 • 22:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Menschen mit Messie-Syndrom wohnen meist alleine. Die Kontaktbeschränkungen in der Coronakrise verstärken darum die Störung weiter. d. mathis
Menschen mit Messie-Syndrom wohnen meist alleine. Die Kontaktbeschränkungen in der Coronakrise verstärken darum die Störung weiter. d. mathis

Lockdowns verstärken das Messie-Syndrom und den damit verbundenen Leidensdruck.

münchen Wenn Michael Schröter die Wohnungen seiner Kunden betritt, verschlägt es ihm oft den Atem. Als Erstes reißt er dann sämtliche Fenster auf – wenn er es denn schafft, zu ihnen durchzudringen. Denn Schröter entrümpelt die Wohnungen von Messies. Deren Zimmer sind mit Kartons, Säcken, Tüten, teils auch Müll derart vollgestopft, dass kaum ein Durchdringen ist. Die Betroffenen leiden oft sehr unter ihrer Situation. Nach Monaten im Lockdown nimmt die Zahl der Hilferufe zu.

„Die Coronakrise deckt vieles auf, was vorher zugedeckt war. Die Menschen wissen oft gar nicht mehr, wer sie sind und was sie wollen, wenn ihnen etwas wegbricht, beispielsweise die Arbeit“, sagt Schröter, der in München das Messie-Hilfe-Team gegründet hat. Außerdem entfalle mit den Kontaktbeschränkungen die soziale Kontrolle. „In den aktuellen Krisenzeiten fällt ja schon den ,Normalwohnenden‘ die Decke auf den Kopf. Aber dieser Personenkreis ist oft alleinwohnend, die lassen niemanden in die Wohnung, und da spüren wir, dass sich die Krise verschärft – und der Leidensdruck.“

Obwohl inzwischen anerkannt ist, dass es sich beim zwanghaften Horten ebenso wie beim Vermüllungssyndrom um eine psychische Störung handelt, gibt es dazu bislang kaum wissenschaftliche Forschung. Experten gehen grob geschätzt von um die 1,5 Millionen Betroffenen in Deutschland aus, es finden sich aber auch deutlich höhere Zahlen. Über die Ursache der Störung gehen die Meinungen auseinander. Meist sind die Betroffenen Alleinstehende, viele sind gut ausgebildet. „Manche leben zu Hause komplett vermüllt, haben aber hochrangige Jobs und nach außen hin ein ganz normales Umfeld“, gibt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater, zu bedenken.