Gläubig und doch modern

Wetter / 30.06.2014 • 20:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Fatma Keskin: Ein Interview zum Ramadan im Restaurant? „Kein Problem.“ Foto: VN/Matt
Fatma Keskin: Ein Interview zum Ramadan im Restaurant? „Kein Problem.“ Foto: VN/Matt

Fatma Keskin sucht Tradition und modernes Leben in Einklang zu bringen.

Nenzing. (VN-tm) Sie hat am Vormittag einen Kurs für Wiedereinsteigerinnen besucht, die Kinder abgeholt, war beim Augenarzt und hat ihre Bewerbungsunterlagen für den Studiengang zur Religionslehrerin der Post anvertraut. „Am Abend haben wir Gäste.“ Dazwischen bleibt eine Dreiviertelstunde Zeit fürs Interview. Fatma Keskins Tagespläne sehen nicht alle so verheerend aus, aber viele.

Als Ort hat die junge Nenzingerin sich das Selbstbedienungsrestaurant im Messepark gewählt. Da können die Kinder in der Nähe spielen, und sie hat alles im Blick. Ein verwegener Ort für ein Gespräch über den islamischen Fastenmonat. Durch die Luft wabern allerlei Düfte von Frittiertem. Am Nachbartisch kauen schlecht rasierte Backen üppige Mengen von Mayonnaisesalat. Fatma sieht gar nicht hin.

Lange Tage

Sie ist heute um drei Uhr früh aufgestanden. Hat Tee und Kaffee gekocht und vier Gläser Wasser getrunken. „Ganz wichtig ist beim Frühstück Rühr- oder Spiegelei. Das sättigt.“ Auch Datteln essen sie und ihr Mann Mehmet, „damit wir nicht gleich wieder Hunger kriegen“. Das funktioniert. Den ganzen Tag über spürt Fatma „nur ein bisschen Durst“. Zur gewohnten Essenszeit am Mittag knurrt zwar der Magen. „Aber ich weiß ja, dass ich erst am Abend wieder essen darf.“ Für Fatma ist das ganz normal. Sie hat mit 14 Jahren angefangen, sich während des islamischen Fastenmonats zurückzunehmen. Ihr Ältester, Selim, will es heuer seinen Eltern gleichtun.

Das erfüllt Fatma mit Stolz, denn ihre Religion ist ihr sehr wichtig. Das verrät auch ihr Äußeres: Kopftuch, Mantel, Pullover. Aber man soll sich nicht blenden lassen. Da hat ein richtiges Bündel an Widersprüchen Platz genommen, bei näherer Betrachtung kommt man ganz schön ins Staunen. Fatma ist der Prototyp der engagierten Muslima, die beide Welten in Einklang bringen will und dabei oft genug an ihre Grenzen stößt.

Unglaublich umtriebig

Bis heute ist sie Obfrau des Feldkircher Frauenvereins „Mimosa“, den Fatma 2005 gegründet hat. Gleichzeitig steht sie bei „echt.nenzing – Grüne & Parteifreie“ auf der Liste. Fatma hat eine mehrsprachige Spielgruppe namens „Schneeglöckchen“ initiiert, die sie heuer zu einer Tagesbetreuungsstelle ausbauen will. Fatma Keskin, die von Kindesbeinen an ihrer Familie als Übersetzerin gedient hat, hält heute mehrsprachige Workshops ab, „um den Eltern in zwölf Stunden zu zeigen, was Sprache eigentlich bedeutet“. Sie hat „interkulturelle Damen-Frühstücke“ in Nenzing, Lustenau, Götzis und Rankweil veranstaltet. „Im März hatten wir Ostern als Thema, im Herbst wollen wir uns mit dem Opferfest beschäftigen.“ Überall sucht und findet sie Gemeinsamkeiten. Aber ihre uneingeschränkte Kommunikationsbereitschaft hat ihren Preis.

Immer wieder hört sie, auch von ihren Landsleuten: „Das bringt sowieso nichts.“ Außenstehende mäkeln an ihr rum, dass sie pausenlos unterwegs sei und ihre Kinder verstellt. Fatma kämpft wie viele engagierte Frauen und Mütter mit Unverständnis, Neid und Vorurteilen. Aber für sie gibt es nur den Weg des miteinander Redens. Deshalb hat sie dem Interview auch zugestimmt. Fatma Keskin will Brücken bauen. Aber das zehrt an ihren Kräften. Dass sie bald für drei Wochen in die Türkei reist, um aufzutanken, unterstreicht den Ramadan in seiner ureigensten Bedeutung: der Fastenmonat sollte Kraft schenken fürs ganze folgende Jahr.

Den ganzen Tag über verspüre ich nur ein bisschen Durst.

Fatma Keskin

Zur Person

Fatma Keskin

ist Mutter von drei Kindern und damit eine echte Managerin. Vor allem im Ramadan.

Geboren: 1978 in Bludenz

Ausbildung: Lehre als Bankkauffrau

Laufbahn: bis 2007 bei der Bank, jetzt auf dem Weg zur Religionslehrerin

Familie: verheiratet, drei Kinder

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