„Wachsen, leben, welken“

Wetter / 26.11.2014 • 18:32 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Christine Lingg aus Dornbirn sieht ihren Beruf als Künstlerin eher als eine Lebensweise und Leidenschaft. Foto: vn/Stiplovsek
Christine Lingg aus Dornbirn sieht ihren Beruf als Künstlerin eher als eine Lebensweise und Leidenschaft. Foto: vn/Stiplovsek

Mit Herz und viel Engagement arbeitet Christine Lingg als Künstlerin für die Lebenshilfe Vorarlberg in Rankweil.

Rankweil. (VN-ral) Wer das ARTelier sucht, in dem die Dornbirnerin arbeitet, muss sich zunächst einige Meter unter die Erdoberfläche begeben. Vergangenen Sommer galt es für die Künstlerin in einer Hauruck-Aktion von ihrem Dachatelier in Sulz in einen Kellerraum in Rankweil zu übersiedeln. Mit Bildern, Farben, Leinwänden, Plakaten und antiquarischen Möbeln wurde der Ort in einen einladenden Kreativraum verwandelt.

Kunst als Lebensweise

Christine Lingg trägt einen schwarzen, mit Farbspritzern übersäten Malerkittel und lächelt zurückhaltend. „Künstlerin zu sein ist nicht wirklich ein Beruf“, erklärt die Dornbirnerin mit sanfter Stimme, „es ist eine Lebensweise, mit der ich mich ausdrücken kann und nach der für mich die Welt funktioniert.“ Diese Tätigkeit auszuüben, bringe aber auch viele Entbehrungen mit sich und fordere Durchhaltevermögen.

Seit 2005 ist Lingg als freischaffende Künstlerin tätig. Vieles hatte sie sich autodidaktisch erarbeitet, bevor sie von 1999 bis 2001 ein Kunstseminar in Dornbirn besuchte. Nach dreijährigem Weiterentwickeln in Eigenregie wagte sie den Schritt an die Öffentlichkeit. Bei der Lebenshilfe Vorderland, wo sie drei Tage pro Woche Menschen mit Behinderung beim kreativen Schaffen begleitet, arbeitet die gelernte Schneiderin seit 2010: „Durch meinen Zugang zum Leben
war es klar, dass ich irgendwann bei der Arbeit mit Menschen lande.“ Der Mensch an sich ist für die 51-Jährige das Besondere an dieser Tätigkeit.

Geben und Nehmen

„Langsamkeit, Staunen, Herz und Neugier“, machen die Basis des gemeinsamen Schaffensprozesses mit Menschen mit Behinderung aus. Lingg betrachtet ihre Schützlinge weniger als Klienten, für sie ist es ein freies Arbeiten auf gleicher Ebene. „Ich bringe etwas ein und nehme etwas mit, umgekehrt bringen die anderen etwas ein und gehen mit etwas Neuem“, weiß die Dornbirnerin zu schätzen. Primäres Anliegen ist es, Kreativität und ein Gefühl von Freiraum zu vermitteln. Ihre Schützlinge gewinnen bei ihr einen Raum, wo Geduld und Ruhe vorrangig sind: „Jeder soll möglichst ohne Druck im eigenen Tempo zu einem individuellen Thema arbeiten können.“ So entstehen ausgehend von einem einzigen Strich kleine Kunstwerke mit persönlicher Note und Aussagekraft.

Mikroskopische Formen

Der Strich ist auch in Linggs Arbeiten ein Grundthema. „Auf meinen gezeichneten Bildern verstecken sich mikroskopische Formen und Details, die durch Zerlegen, Verschwindenlassen und wieder neu Zusammenstellen subjektive Erinnerungen hervorrufen sollen“, beschreibt sie ihre Technik. Jene Formen adaptiert die seit ihrer Kindheit begeisterte Zeichnerin von verschiedenen Orten: verwelkte Naturmaterialien, kleinste Samenkörner in Vergrößerung dargestellt, aber auch Figuren. „Die kleinsten Einheiten sind für mich die Träger des Lebens, die Poesie, ohne die der Mensch nicht existieren könnte“, ist sich die vierfache Mutter sicher.

In ihrer Kunst findet sich der Mensch in der Mitte zwischen Mikro- und Makrokosmos. „Wachsen, leben, welken“ nennt sie den Kreis des Lebens, in dem die Künstlerin ihre Poesie findet, „wenn etwas zu Ende geht, kommt etwas Neues“.

Beim Umzug in die Werkstätte Rankweil wurde das ARTelier-Team sehr freundlich aufgenommen, wodurch nun ein neuer Kreativraum für Menschen mit Behinderung entstehen konnte.

Alles, was ich mache, möchte ich mit Zeit machen.

Christine Lingg

Zur Person

Christine Lingg

seit 2010 bei der Lebenshilfe Vorarlberg tätig

Geboren: 13. 6. 1963, Dornbirn

Beruf: Künstlerin

Hobbys: Kunst, Natur, Familie, Kultur