Preis für sozialen Einsatz

Wetter / 29.08.2016 • 18:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wilfried Müller freut sich über den Lustenauer Zivilcourage-Award: eine Urkunde und eine helfende Hand als Trophäe. Foto: Gasser
Wilfried Müller freut sich über den Lustenauer Zivilcourage-Award: eine Urkunde und eine helfende Hand als Trophäe. Foto: Gasser

Der Lustenauer Schulwart Wilfried Müller hat eine fleißige Gehilfin, eine Frau mit Downsyndrom.

Lustenau. (VN-son) Um sechs Uhr morgens steht Wilfried Müller in der Turnhalle der Volksschule Kirchdorf in Lustenau und wischt den Boden. Dann kontrolliert er den Platz um das Schulgebäude und entsorgt Alkoholflaschen und Zigarettenkippen vom Spielplatz – Jugendliche feierten wohl am Vortag hier. Kurz vor acht Uhr trudeln alle Kinder ein, und auch Anna, die 26-Jährige mit Downsyndrom, kommt. Für sie beginnt beim Läuten der Glocke nicht die Schulstunde, sondern sie unterstützt den Schulwart bei seiner Arbeit.

Seit acht Jahren steht Anna dem 59-jährigen Vorarlberger zur Seite. „In diesen Jahren hat Anna ihre Leistung verdoppelt“, sagt Müller mit breitem Lustenauer Dialekt. Anna ging mit seiner Tochter Eva zur Schule und sie waren Nachbarn. Nachdem er erfuhr, dass sie Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche hatte, setzte er sich dafür ein, dass sie bei ihm in der Schule eine Arbeit bekam. Für sein soziales Engagement wurde er am 22. Jänner mit dem Lustenauer Zivilcourage Award ausgezeichnet. Die Offene Jugendarbeit Lustenau hatte sich mit den Einwohnern der Marktgemeinde Gedanken über Vorbilder im Alltag gemacht. Anschließend verlieh eine Jugendjury 23 Persönlichkeiten den Preis, darunter war Wilfried Müller.

Bereicherung für alle

„Für mich ist Anna eine Bereicherung“, sagt Wilfried Müller. „Wenn man nichts mit behinderten Menschen zu tun hat, weiß man auch nicht, wie eingeschränkt das Leben sein kann.“ Nicht nur der gelernte Einzelhandelskaufmann, sondern auch die Schule profitiert von Anna. Außerdem verlieren die Kinder ihre Berührungsängste, beobachtet der Schulwart. Auch Anna macht Fortschritte, denn inzwischen kann die junge Frau schon viele Tätigkeiten selbstständig erledigen.

Bevor Annas Arbeitstag beginnt, stärken sich die zwei immer mit Kaffee und Croissants in der nahe gelegenen Bäckerei. Müllers Frau arbeitet dort. „Das hat sich bei uns eingebürgert“, erzählt er. Nach der Pause füllen sie Klopapier und Handtücher auf. Trotz anfänglichen Herausforderungen sind sie nun ein eingespieltes Team. Gegen zehn Uhr am Vormittag verlässt Anna das Schulgebäude und fährt mit dem Bus zum Verein „Füranand“. Wenn die junge Frau den Bus versäumt, fährt sie Müller hin. „Manchmal macht sie es absichtlich“, lacht er. Der Schulwart macht seine Arbeit gerne, auch wenn er manchmal Kinder zurechtweisen muss, wenn sie zum Beispiel ein Schokoladepapier auf den Boden werfen. „Sie machen Chaos, aber es kann auch im Chaos schön sein“, spricht Müller aus Erfahrung, denn er hat sechs Kinder.

Liebe zu Tieren

Wenn Müller die Schultüren am Abend schließt, fährt er mit dem Fahrrad nach Hause. Er wohnt gleich ums Eck. Dann nimmt er seinen Hund an die Leine und läuft ins Ried. Dort hat er ein Grundstück, auf dem er Hühner hält. Müller holt immer wieder ausgediente Hühner von Hühnerfarmen zu sich. „Die legen zwar nicht jeden Tag ein Ei, aber sie leben noch einige Jahre, und auch diese Tiere sollen ein artgerechtes Leben haben.“ In den Ferien fährt Müller oft mit dem Motorrad nach Italien. Seine Frau sitzt hinten drauf, und der Weg endet in Cannobio, wo der Wohnwagen der Müllers steht.

Die Ferienzeit ist jedoch bald zu Ende und Müller freut sich auf den Schulbeginn. „Mir gefällt der Trubel. Dann ist wieder Leben im Schulhaus. Anna, Lehrer und Kinder kommen, und los geht’s.“

In diesen acht Jahren hat Anna ihre Leistung verdoppelt.

Wilfried Müller

Zur Person

Wilfried Müller

ist Schulwart und arbeitet mit einer Frau mit Downsyndrom zusammen

Geboren: 13. 9. 1956

Wohnort: Lustenau

Familie: Frau und sechs Kinder

Hobby: Motorradfahren