Der Brauchtumspfleger

Wetter / 05.03.2019 • 19:41 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Johann Düringer ist seit 13 Jahren Obmann der Arbeitsgemeinschaft. VN/Ger
Johann Düringer ist seit 13 Jahren Obmann der Arbeitsgemeinschaft. VN/Ger

Johann Düringer führt die „Gealdbittelwäsch“ in der Oberstadt an.

Bregenz In der Bregenzer Oberstadt ticken die Faschingsuhren etwas anders. Geschuldet ist das einem Mann namens Karl Mehrwert, der sich um die Jahrhundertwende in dem altehrwürdigen Stadtteil niederließ. Der Einwanderer aus dem Schwabenland war unter anderem Stammgast im ehemaligen Gasthaus „Ehre Guta“. Eben dort kam ihm auch die Idee, am Aschermittwoch einen Trauermarsch zu veranstalten, weil der Fasching vorbei und die Geldtasche entsprechend leer war. Im Jahr 1922 zogen die Männer vom Stammtisch erstmals mit weißen Leintüchern bekleidet und sogenannten „Tschaggos“ auf dem Kopf im Gänsemarsch und schweigend durch die Gassen; allen voran ein Mann mit Ziehharmonika, der den Trauermarsch spielte. In der Hoffnung, dass sich die Geldtaschen wieder füllten, wurden diese mit einer Schnur an einen Stecken festgemacht und in insgesamt vier städtischen Brunnen gebadet. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren dann auch die Frauen miteingebunden.

Seit 1950

Seit dem Jahr 1950 wird dieser Brauch in leicht abgeänderter Form von der Arbeitsgemeinschaft Oberstadt organisiert und durchgeführt. Johann Düringer kommt dabei eine besondere Rolle zu. Der 71-Jährige ist seit 13 Jahren Obmann und Chronist des Vereins. Heute, Mittwoch, ist es wieder so weit. Ab 20 Uhr ziehen die weiß gekleideten Gestalten in Begleitung der Stadtmusik durch die Oberstadt, um ihre „Gealtbittel“ im Montfortbrunnen am Ehre-Guta-Platz zu waschen. Angeführt werden sie dabei von Johann Düringer, der während der Zeremonie von einem Podest aus und unter einem Baldachin stehend außerdem die Sündenchronik von Oberstädtler Bürgern verliest; „uf Breagazarisch“ versteht sich. „Da einem Episoden und Hoppalas wie früher heute nicht mehr zu Ohren kommen, habe ich angefangen, in alten Unterlagen aus den 1950er-Jahren zu stöbern. Damals sind teils deftige Worte gefallen, die heute die größte Beleidigung wären“, erzählt der Obmann und Chronist. Anschließend feiern die Teilnehmer, darunter die 15 bis 20 Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft und andere Bürger der Oberstadt im Vereinsraum in der Martinsgasse 1 bei Rollmops, Käse, Brot und Getränken den Abschluss des Faschings.

Johann Düringer lebt seit 28 Jahren in der Oberstadt, ebenso lange ist er Mitglied der Arbeitsgemeinschaft. „Man hat mich schon ein bisschen hineingezwungen“, sagt der ehemalige Stadtpolizist und schmunzelt. „Es hat geheißen, wenn du hier heraufziehst, bist du auch bei uns dabei.“ Ursprünglich wurde der Verein aus der Not heraus geboren. „Nach dem Krieg hatte keiner Geld, um die alten Häuser zu sanieren und so hat der eine dem anderen geholfen“, blickt Düringer auf die Anfänge zurück.

Neben der „Gealtbittelwäsch“ organisieren die Mitglieder seit vielen Jahrzehnten den Martini-Laternenumzug und rücken acht bis zehn Mal pro Jahr mit Besen, Schaufeln und Schubkarren aus, um die Oberstadt sauber zu halten. Der Obmann und Chronist hofft, dass diese Veranstaltungen trotz des Ablebens und Abwanderns vieler Oberstädtler noch lange Bestand haben. „Wichtig ist uns, dass wir die Kinder miteinbinden, damit sie das später mitnehmen und die Traditionen weitergehen.“ Der 71-Jährige selbst könnte sich jedenfalls nicht vorstellen, jemals wieder aus der Oberstadt wegzuziehen. Er schwärmt: „Du bist in Verbindung mit dieser Altstadt und du schätzt es, dass du in einem so ehrwürdigen Stadtteil wohnen und agieren darfst.“ VN-ger

Zur Person

Johann Düringer (71)

ist Obmann und Chronist der Arbeitsgemeinschaft Oberstadt

Wohnort Bregenz

Laufbahn Pensionist, bis zu einem schweren Dienstunfall im Jahr 1997 Stadtpolizist, 2007-2013 Kommandant der Feuerwehr Bregenz-Stadt

Familie verheiratet, 1 Tochter (23)

Hobbys Wandern, Radfahren, die Freizeit genießen

„Gealtbittelwäsch“ in der Bregenzer Oberstadt: Heute, Mittwoch, 6. März 2019, um 20 Uhr. Bei starkem Regen wird die Veranstaltung abgesagt.