Andere Vision vom Leben

Wetter / 17.12.2019 • 18:48 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Carmen Dür unterhält sich mit ihrem Sohn Mathias via Skype. HRJ
Carmen Dür unterhält sich mit ihrem Sohn Mathias via Skype. HRJ

Carmen Dür organisiert Geld für das Hilfsprojekt ihres Sohnes.

HARD „Er ist ein besonderer Mensch.“ Das sagt Carmen Dür (57) heute über ihren Sohn Mathias. Früher habe sie nicht verstanden, warum sich ihr Kind für ein Leben auf der Philippineninsel Minda­nao entschieden hat. Für ein Leben in Unsicherheit, mit Straßenkindern.

Als Carmen Dür von ihrem Sohn mitgeteilt wurde, dass er kein Interesse am hiesigen bürgerlichen Dasein hat und nach Min­danao auswandert, „geriet meine Welt aus den Fugen“. Damals führte sie noch einen eigenen Friseursalon in Dornbirn, inzwischen ist sie pensioniert. Die Familie Dür besitzt ein schönes Haus mit Garten am Ortsrand von Hard. „Mathias hat die HTL mit der Matura abgeschlossen und ist Ingenieur für Automatisierungstechnik. Er könnte hier ein gutes Leben haben.“ Doch Mathias hat sich eben anders entschieden. Er wollte immer schon Menschen helfen. „Am Anfang, als er als 22-Jähriger in Thailand Kinder in Englisch unterrichtete, hat er bereits gesagt, er mache einmal sein Ding.“

2013 reiste ihr Sohn zum ersten Mal auf die Philippinen. „Als er wieder heimkam, dachte ich mir, jetzt bleibt er hier, nimmt einen Job an und baut sich etwas auf. Ein typisch vorarlbergisches Leben eben. Doch er kam nur heim, um Geld zu sammeln und kehrte nach Minda­nao zurück.“ Mathias, damals 27, stellte seiner Mutter gegenüber klar, dass er eine andere Vision vom Leben habe als sie. Mathias habe ihr von den Straßenkindern im Armenviertel Makabalan der Stadt Cagayan de Oro erzählt, von denen viele sich kaputt schnüffeln und viele Opfer von Gewalt sind. „Und diesen Kindern will er helfen.“ Neben Bildungsmaßnahmen und medizinischer Hilfe plante Mathias den Bau eines Hauses, in dem etwa ein Dutzend Straßenkinder wohnen können. „Ich sagte zu ihm, er habe ja gar kein Geld, um solch ein Projekt zu realisieren.“ Da lernte Carmen Dür ihren Sohn richtig kennen. In kurzer Zeit hatte der junge Mann eine ansehnliche Spendensumme beieinander und gründete den in Hard ansässigen Verein „Straßenkinderprojekt Just One Touch“. Dann löste er seinen Bausparvertrag und sein Konto auf und informierte seine Familie, dass er ab jetzt nur noch auf Besuch heimkommen werde. „Das zu akzeptieren, war ganz schlimm für mich. Ich musste mein Kind loslassen und ihn in ein ungewisses Leben ziehen lassen, damit er glücklich ist.“ Das Schlimmste sei gewesen, „dass ich ihn drei Jahren, nicht gesehen habe, nachdem er ging. Ich konnte mein Kind so lange nicht umarmen. Wir hatten nur via Skype Kontakt.“ Zum Glück hatte sie noch ihren Friseursalon. Die Arbeit half ihr sich abzulenken.

Und wie war das erste Wiedersehen nach drei Jahren? „Ich war sehr aufgeregt, angespannt, erschöpft. Die Freude hat aber alles übertroffen.“ Das Treffen fand auf den Philippinen statt. Carmen Dür flog mit Mann und Tochter nach Cebu – die Insel liegt eine halbe Flugstunde von Mindanao entfernt. „Es war berührend, mein Kind nach so langer Zeit wieder zu spüren.“

Das Geld ist aufgebraucht

Heute ist Carmen Dür froh, dass ihr Sohn seinen Weg gegangen ist. „Hier wäre Mathias nie glücklich geworden. Auf Mindanao hat er zwar materiell nichts, aber die Liebe, die er dort bekommt, ist mit nichts aufzuwiegen.“ Sie selbst unterstützt Mathias „so gut es geht“ von Hard aus. Als Obfrau des Vereins „Just One Touch“ kümmert sie sich um die Belange hier in Vorarlberg und lukriert Spenden.

Mittlerweile ist das Haus in Cagayan de Oro fertiggebaut und wird auch bereits bewohnt. Das Geld ist aufgebraucht. „Jetzt brauchen wir wieder Spenden. Wir suchen auch Sponsoren, die das Projekt nachhaltig finanziell unterstützen“, sagt Carmen Dür. Für Betreuung, Verpflegung und Bildung für 14 Kinder muss „Just one Touch“ monatlich rund 2800 Euro aufbringen. HRJ

Zur Person

Carmen Dür

Geboren 18. August 1962

Wohnort Hard

Beruf Friseurin

Familie verheiratet, Mutter von Mathias (geb. 1986) und Bettina (geb. 1991)

Info zu Verein und Spendenkonto www.just-one-touch.org