Ein Tabu brechen

Wetter / 01.11.2020 • 18:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Vera Juriatti setzt Impulse zur Auseinandersetzung mit Sternenkindern. Juriatti
Vera Juriatti setzt Impulse zur Auseinandersetzung mit Sternenkindern. Juriatti

Vera Juriatti schrieb ein Kinderbuch über Sternenkinder.

GRAZ, BLUDENZ „Ein Sternenkind ist ein früh verstorbenes Kind – dessen Tod in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt eintritt“, schildert Vera Juriatti. „Diesen Begriff gibt es schon sehr lange, geprägt wurde er durch den Autor Antoine de Saint Exupéry. Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Leute diesen Begriff nicht kennen. Unseren Pablo musste ich in der 25. Schwangerschaftswoche gebären, es war jedoch schon vorher klar, dass er nicht überleben können wird. Er war auch nicht unser erstes Sternenkind. Insgesamt habe ich in fünfeinhalb Jahren fünf Sternenkinder geboren, was eine sehr schmerzvolle Erfahrung für mich war“, so Juriatti weiter. Diese tiefgreifenden Erfahrungen verarbeitete ihr Mann, der in Bludenz geborene Autor, Filmemacher, Schauspieler und Verleger Rainer Juriatti, in seinem Buch „Die Abwesenheit des Glücks“, das vor zwei Jahren erschienen ist.

Sehr persönliche Einblicke

Dieses Buch war ein gemeinsames Projekt des Ehepaares, darin schilderte der Autor seine Trauer und die nachhaltigen Folgen, die diese Erfahrung in der Familie ausgelöst hatten. Auch Tagebuchnotizen von Vera Juriatti waren darin enthalten, die einen sehr persönlichen Einblick in ihre tiefe Trauer ermöglichten: „Ich bin in ein Loch gefallen und verharrte jahrelang darin. Ein Horizont war nicht mehr sichtbar. Schwierig war nicht nur das eigene Erleben des Schmerzes, sondern auch, wie die Außenwelt damit umgegangen ist. Kommentare wie ‚Ihr seid ja noch jung, beim nächsten Mal wird es dann klappen‘ haben mir noch zusätzlich wehgetan. Mittlerweile denke ich noch oft an Pablo, aber der Schmerz verändert sich – er hat nicht mehr diese intensive Wucht.“ Das Thema Sternenkinder bildet nach wie vor ein Tabu in unserer Gesellschaft, so die Erfahrung von Vera Juriatti. Vielfach wissen Hebammen, Krankenschwestern und auch Familienangehörige nicht, wie sie mit den betroffenen Frauen umgehen sollen. Bei ihren Buchvorstellungen erlebte sie immer wieder Menschen, die mit ihrer Trauer allein gelassen wurden: „Es traten auch Omas und Opas mit ihren schmerzhaften Geschichten von Enkeln, die nicht geboren wurden, an mich heran.“

Auseinandersetzung

Ein Aspekt, der die engagierte Autorin besonders beschäftigte, waren die Geschwister von Sternenkindern: „Vielfach sind die Eltern so in ihrer Trauer befangen, dass sie die Geschwisterkinder gar nicht richtig wahrnehmen können. Für diese Kinder ist jedoch eine offene Auseinandersetzung mit diesem Tod des erwarteten Geschwisterchens sehr wichtig. Auch sie haben sich auf das neue Baby gefreut und im Kindergarten oder in der Schule davon erzählt.“ Um diesen Geschwisterkindern eine Stimme zu geben, entstand die Idee zu ihrem illustrierten Kinderbuch „Leon & Louis oder Die Reise zu den Sternen“. Es ist ein schlichtes Buch geworden, in einer sehr behutsamen Herangehensweise geschrieben. Vera Juriatti wählte einprägsame Illustrationen: „Stefan Karch hat das Buch ganz wunderbar und für mich sehr passend illustriert.“

Anderen Menschen helfen

Das Buch war zugleich auch ein Familienprojekt, denn Tochter Chiara fungierte als Lektorin und Ehemann Rainer als Verleger. Es entstand heuer im Frühjahr während des Lockdowns und ist vor Kurzem erschienen. „Ich habe mir bei meinen Fehlgeburten mehr Unterstützung gewünscht. So habe ich es auch als Krankenschwester immer als meine Aufgabe gesehen, anderen Menschen mit meinen Fähigkeiten bestmöglich zu helfen. Ich hoffe, dass mit meinem Engagement für die Familien mit Sternenkindern die Hemmschwelle fällt, über diese Kinder zu reden“, betont Vera Juriatti. BI

Zur Person

Vera Juriatti

Wohnort Graz, Bludenz

Familie verheiratet, zwei erwachsene Kinder (Tonio und Chiara)

Beruf Kinderkrankenschwester und Autorin

Hobbys Walken, Stricken, Garten, Familie (das Wichtigste!)

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