Erstickt an Plastikmüll

Wissen / 29.03.2013 • 14:07 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Kunststoffvermüllung der Erde nimmt zu. Um ihr entgegenzuwirken, müssten noch viel mehr Maßnahmen gesetzt werden. Foto: ap
Die Kunststoffvermüllung der Erde nimmt zu. Um ihr entgegenzuwirken, müssten noch viel mehr Maßnahmen gesetzt werden. Foto: ap

800 Milliarden Euro Umsatz macht die Kunststoffindustrie weltweit pro Jahr.

Heidi Rinke-Jarosch

SCHWARZACH. 17 Kilogramm Plastikmüll entdeckten Wissenschaftler in der Leiche eines Pottwals, die vor einem Jahr an der südspanischen Küste angeschwemmt wurde. Die Todesursache des Pottwals beweise, wie drastisch die Folgen der Umweltverschmutzung durch Kunststoff sind. Zudem werden laut den Forschern Plastikbrocken auch von Fischen verschluckt, die später auf unseren Tellern landen.

Weltweit fallen laut Greenpeace 267 verschiedene Tierarten dem Plastikmüll in den Ozeanen zum Opfer, und jährlich verenden daran etwa 100.000 Meeressäuger. Über eine Million Seevögel verwechseln die Plastikteile mit Nahrung, füttern damit ihre Küken, die qualvoll zugrunde gehen. Auf den Meeren schwimmen riesige Plastikinseln. In den Meeren rotieren kontinuierlich wachsende Plastikmüllwirbel. Die Kunststoffe, aus denen Getränkeflaschen, Kosmetikverpackungen, Mikrowellengeschirr, Spielzeug, Bodenbeläge, Lebensmittelverpackungen, Plastiksäcke und viele Alltagsprodukte mehr hergestellt sind, schädigen dem menschlichen Organismus und machen krank.

200 Millionen Tonnen

Für den Menschen jedoch ist ein Leben ohne Kunststoff nicht mehr vorstellbar. Denn dieser wird im Alltag fast überall eingesetzt. Schätzungen zufolge werden weltweit jährlich mehr als 200 Millionen Tonnen Plastik hergestellt, ein Viertel in Europa.

„In Österreich kommt der größte Teil des anfallenden Plastikmülls aus Verpackungen, vor allem aus dem Lebensmittelbereich“, informiert Helmut Burtscher, Umweltchemiker bei der Umweltschutzorganisation Global 2000. „Eine Abnahme des Verpackungsmülls beobachten wir hier leider nicht.“ Das Müllaufkommen ließe sich reduzieren, wenn Handelsketten und Konsumenten bereit wären, auf Mehrwegsysteme umzusteigen. Ein Beispiel wäre die Norm. Doch solch ein System könne sich nur durchsetzen, wenn von politischer Seite entsprechende Anreize geschaffen würden.

Plastik könne aber auch aus Sicht des Gesundheitsschutzes problematisch sein, stellt Burtscher klar. PVC enthält hormonell wirksame Phthalate (Weichmacher) oder Polycarbonat sowie andere Kunststoffe, wie das ebenfalls hormonell wirksame Bisphenol A. „Diese aus den Materialien entweichenden Chemikalien gefährden die Gesundheit.

Im Ländle übernimmt einen großen Teil der Entsorgung von Kunststoffmüll das auf die Verwertung von Reststoffen spezialisierte Unternehmen Häusle in Lustenau. „Mit der Gelbe-Sack-Sammlung werden in Vorarlberg jährlich etwa 10.000 Tonnen Kunststoffverpackungen aus privaten Haushalten gesammelt und verwertet“, erklärt Häusle-Geschäftsführer Martin Bösch. „Darüber hinaus fallen jährlich zusätzlich etwa 3500 Tonnen an Kunststoffverpackungen aus Gewerbe und Industrie an.“ Eine hochautomatisierte Kunststoff-Sortieranlage teilt sämtliche Kunststoffverpackungen nach deren Beschaffenheit, technischen Zusammensetzung und Farbe auf. Die daraus gewonnenen, sortenreinen Kunststoffqualitäten werden in Ballen gepresst und einer Wiederverwertung zugeführt. Die reinen Kunststoffqualitäten werden gewaschen, zerkleinert und als Regranulat aufbereitet, woraus schließlich neue Kunststoffformteile entstehen.

Häusle holt auch die jedes Jahr in Vorarlbergs Landeshauptstadt produzierten 900 Tonnen Kunststoffmüll ab. Für die lokale Entsorgung hat der Bauhof auf 60 Plätzen dafür eigene Container aufgestellt. „Gewerbetreibende dürfen ihren Plastikmüll nicht in den Containern entsorgen“, teilt Bauhof-Chef Erich Knappitsch mit. „Ihnen steht eine Pressmulde im Bauhofgelände zur Verfügung.“

„Wir sind Plattform, um Abfälle zu vermeiden bzw. das Bewusstsein zu steigern“, beschreibt der Berater Jürgen Ulmer die Tätigkeit des Umweltverbandes. Entsprechende Aktivitäten werden jedes Jahr gesetzt. Aber es braucht noch viele mehr – und das weltweit – um die völlige Plastikvermüllung der Erde zu verhindern.

Plastic Planet

Der erste Kunststoff, das Kasein, wurde bereits im 16. Jahrhundert aus Milcheiweiß hergestellt. Die industrielle Produktion begann vor 100 Jahren mit einem von Leo Hendrik Baekeland entwickelten Verfahren und dem Kunststoff Bakelite. Die Ausgangsprodukte für die Herstellung von Kunststoffen werden aus Erdöl, Kohle und Erdgas gewonnen. In seinem Film „Plastic Planet“ zeigt Werner Boote die Auswirkungen der Kunststoffvermüllung. www.plastic-planet.de