Allein mit den Gedanken

Wissen / 04.07.2014 • 14:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Menschen ertragen es nur sehr schwer, isoliert zu sein und dabei nichts tun als den Gedanken nachzuhängen.

Charlottesville. Endlich mal allein sein und nichts tun. Das wünschen sich viele Menschen mehr denn je. Sind sie dann tatsächlich mit sich und ihren Gedanken allein, empfinden dies die wenigsten als angenehm, haben US-Forscher festgestellt.

In einer Reihe von Experimenten fanden sie heraus, dass viele Personen das „Alleinsein mit sich“ sogar als ziemlich unangenehm wahrnehmen. Einige sollen sich sogar lieber Elektroschocks verpasst haben, als ohne irgendeine Beschäftigung ihren Gedanken nachzuhängen.

Lange 15 Minuten

Sich von der Umwelt loszusagen, über Vergangenheit und Zukunft zu sinnieren und sich nicht existierende Welten auszumalen, sei eine sehr menschliche Eigenschaft, die uns von anderen Arten unterscheide, lassen die Wissenschafter um Timothy Wilson von der University of Virginia in Charlottesville wissen. Dennoch sei bisher kaum erforscht, ob die Menschen sich freiwillig in den Zustand inneren Sinnierens begeben und sie diesen genießen.

Um das zu ändern, baten die Forscher zunächst eine Gruppe von College-Studenten in verschiedenen Experimenten, sechs bis 15 Minuten in einem schmucklosen Raum ihren Gedanken nachzuhängen. Sie durften weder Smartphones benutzen, Bücher lesen noch Musik hören und sich auch nicht durch andere Dinge ablenken lassen.

Anschließend wurden die Studenten befragt, wie sie das Alleinsein empfunden hatten. Die meisten haben es schwierig gefunden, sich zu konzentrieren und gaben an, dass sie ständig gedanklich abgeschweift waren. Die Hälfte sagte, sie habe die Erfahrung nicht genossen.

Daheim das Gleiche

Um herauszufinden, ob die sterile Laborsituation das Ergebnis beeinflusst hatte, ließen die Forscher anschließend eine Gruppe von Testpersonen die Versuche in ihrem Zuhause durchführen. Aber auch in den eigenen vier Wänden bekam den Freiwilligen das ziellose Denken nicht gut. Ein Drittel gab sogar zu, geschummelt zu haben und nebenbei Musik gehört oder mit dem Smartphone gespielt zu haben.

Elektroschock statt Einsamkeit

Wilson und seine Kollegen wollten daraufhin herausfinden, ob nur Studenten dieses Problem haben. So rekrutierten sie weitere Personen – und zwar auf einem Markt und in einer Kirche. Diese Freiwilligen waren zwischen 18 und 77 Jahre alt. Das Ergebnis der Tests war gleich: Auch sie mochten das einsame Sinnieren nicht.

Schließlich gaben die Wissenschaftler einigen Versuchspersonen die Möglichkeit, sich selbst einen leichten Elektroschock zu verabreichen, wenn ihnen das Nichtstun zu viel wurde.

Die Demonstration des Elektroschocks empfanden alle Probanden als äußerst unangenehm. Doch während der 15-minütigen isolierten Denkzeit entschieden sich zwölf von 18 Männern und sechs von 24 Frauen mindestens einmal, sich selbst zu schocken. Den Forschern zufolge zeige das, dass die Probanden lieber eine unangenehme Aktivität durchführten als gar keine.

Eine Testperson hatte sich übrigens 190 Elektroschocks verabreicht. Sie wurde jedoch von den Wissenschaftern bei der Auswertung nicht berücksichtigt.

Warum ist das so schwer?

Was es Menschen scheinbar so schwer macht, mit sich und ihren Gedanken allein zu sein, wissen die Forscher nicht. Jeder genieße es wohl zeitweise, in den Tag zu träumen und zu fantasieren. Aber das müsse vielleicht spontan passieren. Auch andere Studien hätten gezeigt, dass es schwierig sei, seine Gedanken auf angenehme Dinge zu konzentrieren und dort zu belassen. Möglicherweise sei dies der Grund für das Interesse an Meditation und anderen Techniken, die Menschen dabei helfen, ihre Gedanken besser zu kontrollieren.