Als die Simons über den Eismann stolperten

Wissen / 19.08.2016 • 15:42 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Eismann „Ötzi“ wurde von Wissenschaftern in Innsbruck und später in Bozen genau untersucht. Foto: reuters
Der Eismann „Ötzi“ wurde von Wissenschaftern in Innsbruck und später in Bozen genau untersucht. Foto: reuters

Vor 25 Jahren wurde auf dem Hauslabjoch eine 5000 Jahre alte Leiche eines Mannes entdeckt: Ötzi.

bozen. (VN) Am 19. September 1991 „stolperte“ das deutsche Ehepaar Erika und Helmut Simon am Tiroler Niederjochferner über die Leiche eines Mannes. In Unkenntnis ob der Sensation des Fundes wurde die 5000 Jahre alte Mumie zunächst mittels Skistöcken und Presslufthammer dem ewigen Eis entrissen. Die Wissenschafter tauften den Fund „Der Mann vom Hauslabjoch“, die Medien „Ötzi“.

Aufgrund dieser unsanften Bergung auf dem 3120 Meter hohen Hauslabjoch erlitt Ötzi schwere Verletzungen an der linken Hüfte und am linken Bein hinab zum Unterschenkel. Der Bruch des linken Oberarmknochens ist auf die ebenso unsanfte „Einsargung“ nach der Bergung des Eismannes zurückzuführen.

Ötzi wird untersucht

Am 23. September 1991 wurde die Leiche zur wissenschaftlichen Untersuchung nach Innsbruck gebracht. Zu Lebzeiten war der Eismann etwa 1,60 Meter groß, hatte Schuhgröße 38 und wog rund 50 Kilogramm. Er hatte braune Augen, braune Haare und Blutgruppe 0. Zudem hatte er eine genetische Veranlagung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. CT-Untersuchungen zeigten erste Symptome einer Arterienverkalkung. Auch Gallensteine wurden entdeckt. Den Mann plagten zudem Karies und Parodontitis.

Kurz vor seinem Tod hatte er Steinbock, Hirsch, Brot und Gemüse gegessen. Das Hirschfleisch war offenbar nicht mehr ganz frisch gewesen, denn es enthielt eine Fliegenmade, die die Forscher in Ötzis Darm fanden.

Die etwa 60 den Körper übersäenden Tätowierungen könnten eine frühe Form der Schmerzbehandlung gewesen sein. Sie entstanden nämlich durch feine Schnitte und befinden sich genau dort, wo Ötzi Verschleißerscheinungen hatte – an der Lendenwirbelsäule, am rechten Knie, an den Sprunggelenken.

Zuletzt versuchten Wissenschafter sogar Ötzi seine Stimme zurückzugeben. Durch das Scannen und Bearbeiten von Röntgenbildern soll es möglich werden, eine Bestimmung des Stimmkanals und einen „Resonanzboden“ von Ötzi zu erhalten.

Dass es jemals zu einer Klärung des letzten Tathergangs unmittelbar vor dem Tod des Gletschermannes kommen wird, bezeichneten Forscher als unwahrscheinlich. Klar ist, dass Ötzi an der linken Schulter von einem Pfeil getroffen wurde. Zudem hat sich der Mann vermutlich erst kurz vor seinem Tod ein Schädel-Hirn-Trauma zugezogen – ob durch einen Schlag oder einen Sturz, blieb vorerst ungelöst. Unmittelbar vor Ötzis Tod fand offenbar ein Nahkampf statt, worauf tiefe Schnittwunden an seiner rechten Hand hindeuten.

Während Ötzis mütterlicher Familienzweig höchstwahrscheinlich ausgestorben ist, war die genetische Linie seines Vaters in der Jungsteinzeit in ganz Europa verbreitet und findet sich dort auch heute noch. Bei einer Studie der Innsbrucker Gerichtsmedizin waren sogar 19 noch heute in Tirol lebende Verwandte von Ötzi aufgespürt worden.

Streit um Fundort und Geld

Ötzi hat auch international Querelen ausgelöst. Dabei geht es um den Fundort der Gletscherleiche sowie um deren Entdecker. Am 2. Oktober stellten Vermessungstechniker eindeutig fest, dass Ötzi exakt 92,56 Meter von der italienisch-österreichischen Grenze entfernt auf Südtiroler Hoheitsgebiet gelegen hatte. So wurde Ötzi im Jänner 1998, in einem Kühlcontainer verwahrt, von Innsbruck nach Bozen transportiert. Dort fand fand er in einem neu eingerichteten Museum seine zweite letzte Ruhe.

Erika und Helmut Simon forderten ursprünglich 300 Millionen Lire (rund 155.000 Euro) Finderlohn. Das Land Südtirol wollte den Nürnbergern aber nur 50.000 Euro zahlen. Die Folge waren langjährige Prozesse. Der Streit wurde 2010 beigelegt. Erika Simon erhielt 175.000 Euro. Ihr Ehemann konnte daran nicht mehr teilhaben. Er war 2004 bei einer Wanderung im Gamskarkogel-Gebiet bei Bad Hofgastein in Salzburg in den Tod gestürzt.