„Das weltweit dümmste Kraftwerksprojekt“

Wissen / 23.09.2016 • 17:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Soll die Kapelle vor dem maroden Kernkraftwerk im tschechischen  Dukovany etwa vor einem Super-GAU schützen? Foto: reuters
Soll die Kapelle vor dem maroden Kernkraftwerk im tschechischen  Dukovany etwa vor einem Super-GAU schützen? Foto: reuters

Trotz Super-GAU in Fukushima und Störfällen in vielen AKW werden in Europa weitere Meiler gebaut.

london, Prag. (VN-hrj) Nun hat die britische Regierung ihre Zustimmung für das umstrittene AKW-Projekt Hinkley Point C gegeben. Dieses Kernkraftwerk mit zwei Druckwasserreaktoren des französischen Herstellers Areva soll in Somerset in Südwestengland entstehen und ist der erste derartige Neubau in Großbritannien seit rund 20 Jahren. Die beiden Reaktoren sollen 2023 in Betrieb gehen, 60 Jahre lang laufen und sieben Prozent der britischen Stromproduktion liefern. Das AKW wird vom chinesischen Atomkraftversorger CGN und dem französischen Energieunternehmen EDF mitfinanziert.

Für Großbritannien hat dieses Projekt hohe Priorität, weil das Land in den kommenden Jahren jedes fünfte seiner alternden Atomkraftwerke ersetzen will. Für Frankreich ist die Anlage ein wichtiges Exportgeschäft.

Trotz Brexit entscheidend

„Mit der Fortsetzung des AKW-Projektes Hinkley Point C  ist eine Chance für den Ausstieg aus dem teuersten und dümmsten Kraftwerks­projekt der Welt verspielt“, reagierte der Grüne oberösterreichische Landesrat Rudi Anschober, der sich im Kampf gegen Hinkley Point C besonders ins Zeug gelegt hat. „Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser Unsinn gestoppt wird.“ Die nächste Chance sei laut Anschober die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs über Österreichs Nichtigkeitsklage gegen die Genehmigung der Milliardensubvention für das Milliardengrab. „Das ist trotz Brexit entscheidend, da Großbritannien nach wie vor an die EU-Wettbewerbsregeln gebunden ist, und dies sogar für die Zeit nach einem realisierten EU-Ausstieg in etlichen Jahren weiterhin wahrscheinlich ist.“

Auch Tschechien setzt weiter stark auf die Kernkraft. Das Nachbarland plant die Errichtung weiterer Reaktorblöcke in Temelin und im südmährischen AKW Dukovany. Das stößt in Österreich auf Missfallen. Die grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für den Aufbau neuer Kapazitäten in Dukovany, das nur 40 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt steht, läuft derzeit. Außerdem ist das Land auf der Suche nach einem Atommüll-Endlager, wofür zwei Standorte nahe der Grenze zu Österreich im Gespräch sind.

Dann sind da auch noch die fehlenden Sicherheitsreserven bei Erdbeben. Dies wurde in europäischen Stress-Tests nach Fukushima festgestellt. Die Aufrüstung der sicherheitsrelevanten Systeme und Komponenten sei immer noch nicht abgeschlossen. Zudem sei die Haftungsfrage und Situation bezüglich Endlager vollkommen ungeklärt.

Laut der Umweltorganisation „Global 2000“ ist das Atomkraftwerk Dukovany eines der „problematischsten“ in Europa. „Die Anlagen sind in marodem Zustand, haben keine zweite Kühlquelle, und die schleißige Sicherheitskultur des Betreibers flog nicht erst durch den jahrelangen Betrug bei der Überprüfung von Kontroll-Leitungen auf“, meldete der Atomsprecher der Organisation, Reinhard Uhrig, neulich in einer Aussendung.

Anfang Februar hatte der Chef des tschechischen Energiekonzerns CEZ erklärt, die Röntgen-Überprüfung der Schweißnähte des AKWs sei nicht ordnungsgemäß durchgeführt worden. Um dies nachzuholen, wurde das Kernkraftwerk damals für mehrere Wochen abgeschaltet.

„Absolut inakzeptabel“

„Nach den Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima – und all den bekannten und noch viel mehr kaum bekannten, weil vertuschten Beinahe-Unfällen –  ist es für mich absolut inakzeptabel, das als veraltet und störungsanfällig geltende AKW Dukovany auch noch zu erweitern“, schrieb die Umweltaktivistin und Russ-Preisträgerin Hildegard Breiner (80) in einer Stellungnahme an die Landesregierung und die zuständigen Stellen in Tschechien. „Bei einem größeren Störfall und entsprechender Wetterlage wäre aber auch unser Bundesland Vorarlberg im Westen Österreichs betroffen.“

Einen Erweiterungsbau zu planen, wenn – auch weltweit – noch nicht einmal ein sicheres Endlager für den schon bisher laufend produzierten hochradioaktiven Atommüll besteht, ist verantwortungslos, stellt Breiner klar. Die Erweiterung der Atomanlagen von Dukovany dürfe nicht bewilligt werden.

Die Erweiterung von Dukovany ist unverantwortlich.

Hildegard Breiner