Hang zur Gewalt ist im Stammbaum verwurzelt

Wissen / 30.09.2016 • 14:42 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Tödlich endende Auseinandersetzungen kommen nicht nur beim Menschen vor. Auch Säugetiere murksen sich gegenseitig ab.
Tödlich endende Auseinandersetzungen kommen nicht nur beim Menschen vor. Auch Säugetiere murksen sich gegenseitig ab.

Mord und Totschlag sind Erbe der evolutionären Vergangenheit, kommen aber nicht nur beim Menschen vor.

Almeria. Gewaltsame Todesfälle kamen unter den Menschen etwa so häufig vor, wie man es nach einem Vergleich mit anderen Säugetieren aufgrund unserer Position im Stammbaum auch erwarten würde, berichten spanische Forscher. Kultur und die Gesellschaft haben uns friedlicher werden lassen.

Demnach gibt es, laut den Forschern um José María Gómez von der Estación Experimental de Zonas Aridas in Almería, tödliche Auseinandersetzungen innerhalb einer Art nicht nur bei Menschen, sondern auch bei einigen anderen Säugetieren. Unter Primaten etwa seien Aggressionen innerhalb der Gruppe nicht selten, bei einigen Arten komme es zu Kinds­tötungen. Raubtiere töten manchmal Angehörige fremder Gruppen. Und selbst bei so harmlos wirkenden Arten wie Hamstern oder Pferden werden gelegentlich Artgenossen umgebracht.

Vier Millionen Todesfälle

Zunächst suchten die Forscher in der wissenschaftlichen Literatur, wie verbreitet solche tödlichen Auseinandersetzungen bei einzelnen Arten von Säugetieren sind. Sie fanden Informationen zu vier Millionen Todesfällen bei 1024 Arten von Säugern aus 137 Familien, das sind etwa 80 Prozent aller Säugetierfamilien. Zu gewaltsamen Todesfällen zählten sie zum Beispiel Kindstötungen, Fälle von Kannibalismus oder Todesfälle nach Revierkämpfen und anderen kämpferischen Auseinandersetzungen. Die Forscher errechneten dann den Anteil solcher Todesfälle an der gesamten Anzahl.

Erwartungsgemäß erwiesen sich einige Arten als eher gewalttätig, andere waren untereinander völlig friedlich. Unter Arten, die in Gruppen und in festen Territorien lebten, war Gewalt gegen Artgenossen verbreiteter als bei Arten, deren Angehörige allein umherzogen. Am evolutionären Ursprung der Säuger betrug die Rate der gewaltsamen Todesfälle 0,3 Prozent. Das heißt, etwa eines von 300 Tieren kam durch Gewalt eines Artgenossen zu Tode.

Innerhalb des Stammbaums nahm tödliche Gewalt dann weiter zu. Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als die Primaten als eigenständige Linie im Stammbaum abzweigten, betrug die Rate etwa zwei Prozent. Das zeige, dass tödliche Gewalt tief in der Linie der Primaten verwurzelt sei, informieren die Forscher.

600 Studien berücksichtigt

Anschließend ermittelten die Wissenschafter, wie verbreitet innerartliche Gewalt unter Menschen sein sollte, wenn man nur die Stellung im Stammbaum und somit die Verwandtschaft zu anderen, mehr oder weniger gewaltbereiten Arten berücksichtigt. Demnach sollten ebenfalls etwa zwei Prozent aller Todesfälle auf Mord und Totschlag zurückzuführen sein. Den Forschern zufolge decke sich dieser Wert mit Angaben zu gewaltsamen Todesfällen in prähistorischen menschlichen Gesellschaften.

Ihre Ermittlungen, wie verbreitet Gewalt in menschlichen Populationen seit etwa 50.000 Jahren gewesen ist, wurden durch Berücksichtigung von 600 Studien unterstützt. Allerdings seien diese Zahlen mit einiger Unsicherheit behaftet, schränken die Forscher ein.

Gewaltbereitschaft nahm ab

Das Ausmaß tödlicher Gewalt schwankte zwischen einzelnen Zeitabschnitten stark. Sie lag zunächst entsprechend der phylogenetischen Untersuchung bei etwa zwei Prozent, nahm dann zeitweise erheblich zu. In der Moderne, seit etwa 100 Jahren, nahm die Gewaltbereitschaft innerhalb der Gesellschaft stark ab. Als Grund wird der Einfluss  durch Kultur und ökologische Bedingungen vermutet. Auch die Organisation in einem Staat – und damit die Übergabe des Gewaltmonopols an den Staat – lasse die Zahl der Tötungsdelikte sinken, berichten die Wissenschafter.

Am Ende liefere die Studie der spanischen Wissenschafter um Gómez gute Gründe dafür, anzunehmen, dass der Mensch von Natur aus gewalttätiger ist als die meisten anderen Säugetiere. Dies decke sich mit anthropologischen Untersuchungen, die Jäger- und Sammler-Gemeinschaften als in ständigem Kampf befindlich beschrieben haben.