Diesel aus Luft?

Wissen / 12.04.2019 • 15:34 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Sieben Jahrzehnte nach dem Weltkrieg geht es in Europa im Kampf gegen den Klimawandel wieder um synthetischen Treibstoff.APA
Sieben Jahrzehnte nach dem Weltkrieg geht es in Europa im Kampf gegen den Klimawandel wieder um synthetischen Treibstoff.APA

Wie man aus schädlichem Kohlendioxid nützliche Kraftstoffe macht.

Schwarzach In der letzten Phase des zweiten Weltkriegs versuchte Deutschland, aus allen möglichen Quellen künstliche Treibstoffe herzustellen, Stichworte sind: Bergius-Verfahren, Fischer-Tropsch-Synthese. Man erzeugte Benzin auf der Basis von Kohle in sogenannten Hydrierwerken, die eben darum bevorzugtes Ziel alliierter Luftangriffe wurden. Diese Angriffe waren erfolgreich; der Zusammenbruch der Wehrmacht ging einher mit dem Aussetzen der Treibstoffversorgung. Kein Benzin – kein Krieg.

Ironie der Geschichte: Sieben Jahrzehnte nach dem Weltkrieg geht es in Europa im Kampf gegen den Klimawandel wieder um synthetischen Treibstoff. Dieses Mal: Krieg gegen den Kohlenstoff! Denn das Ziel hat sich umgedreht. Man will nicht möglichst viel Kohlendioxid ausstoßen, sondern möglichst wenig, am besten gar keins; was liegt näher, als die Reaktionen, die zum Ausstoß des Gases führen, einfach umzudrehen? Man saugt das Kohlendioxid aus der Luft und stellt Treibstoffe daraus her. Für Ingenieure eine spannende Aufgabe. Zeichnungen zeigen riesige Gebäude mit hunderten metergroßen Ventilatoren, die Luft ansaugen. Nun enthält jeder Kubikmeter Luft aber nur 400 Kubikzentimeter des schädlichen Gases, im Abgas eines Kraftwerks liegt der Anteil 250 Mal höher – dort wäre also die geeignete Ansauganlage zu installieren und nicht irgendwie auf der grünen Wiese! Wie kriegt man dann das CO2 aus dem Abgas? Dazu gibt es Absorptionsmittel, die man allerdings regenerieren muss, wenn man das Gas daraus gewonnen hat. Das kostet Energie. Als Absorber dienen Amine, Methanol und Methylpyrrolidon. In Kraftwerken dient zur Regenerierung mit Wärme ein Teil der Verbrennungsenergie, dadurch sinkt der Wirkungsgrad um ein paar Prozent, aber 95% des CO2 verschwindet aus dem Abgas. Diese Verfahren sind technisch möglich und nicht von vornherein weltfremde Fanatasien. Danach hat man einen Haufen ziemlich reines Kohlendioxid – jahrelang wurde propagiert, es in leere Erdgaslagerstätten zu pumpen und dort bis zum Sr. Nimmerleinstag zu belassen. Die Begeisterung dafür hat nachgelassen, weil man der Technik vertraut, aber nicht dem Planeten.

Bedenkenträger

Bei einem Erdbeben könnten das CO2 von Jahrzehnten mit einem Schlag freikommen und die Bevölkerung ganze Landstriche auslöschen. Also aus Kohlendioxid neues Benzin! Geht das? Natürlich: In Dresden machen sie in einer Pilotanlage aus Wasser, Kohlendioxid und Solarstrom eine Produkt namens „Blue Crude“ – sauberes Rohöl, eine Abwandlung des erwähnten Fischer-Tropsch-Verfahrens. „Sauber“ heißt hier: Das Zeug ist wasserklar, enthält keine aromatischen Kohlenwasserstoffe, gibt also keinen Dieselruß. Preis? Ein Euro pro Liter. Natürlich gibt es Bedenkenträger. Sie sagen: mit Solarstrom sollte man die Batterieautos betreiben. Wer es fassen kann, der fasse es . . .