Strom speichern – in Salzwasser?

26.07.2019 • 12:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Große Mengen Überschussstrom aus Windrädern oder Fotovoltaik: Ein Gehäuse von 30 mal 30 mal 90 Zentimeter speichert rund 2,5 Kilowattstunden.APA
Große Mengen Überschussstrom aus Windrädern oder Fotovoltaik: Ein Gehäuse von 30 mal 30 mal 90 Zentimeter speichert rund 2,5 Kilowattstunden.APA

Die Autarkie beim Strom ist nahe.

Schwarzach Erst hielt ich es für ein Missverständnis: Da behauptet doch tatsächlich eine Firma in Oberösterreich, überschüssigen Solarstrom in „Salzwasser“ speichern zu können! Wie soll das gehen? Aus dem Netzauftritt wird man nicht richtig schlau, ständig ist nur die Rede davon, wie harmlos und ökologisch unbedenklich der Salzwasser-Stromspeicher sei. In einem Video sieht man sogar einen Schussversuch auf den sagenhaften Akku und den Firmenchef das heraussickernde Wässerchen trinken! Leider findet sich kein Hinweis, wie das Ding funktioniert. Nach mehreren Recherchen stellte sich heraus: Der Speicher sollte nicht Salzwasser im Namen führen, sondern das Element Natrium. Genauer heißt das Ding Natrium-Ionen-Akkumulator, das erinnert an den bekannten, in riesigen Stückzahlen verfügbaren Lithium-Ionen-Akku, der unsere Laptops und E-Autos mit Strom versorgt. Lithium und Natrium sind sich sehr ähnlich, sie stehen deshalb in derselben Gruppe des Periodensystems. Beide haben ganz außen ein einzelnes Elektron, das man sich wie das fünfte Rad am Wagen vorstellen kann, die Atome geben es deshalb gern ab und wandeln sich dadurch in elektrisch positiv geladene Ionen um. Im Lithium- wie im Natrium-Ionen-Akku wandern diese Ionen von der einen Elektrode, die meisten aus Graphit besteht, zu anderen Elektrode, wo auch die Elektronen wieder ankommen, die außen durch einen Draht geflossen sind und nützliche Arbeit verrichtet haben. Dort vereinigen sie sich aber nicht wieder mit den Lithiumionen, sondern mit den Metallatomen der Elektrode, womit der Stromkreis geschlossen ist – im Akku kommt Lithium bzw. Natrium immer nur als Ion vor, nie als Metall. Das ist auch gut so, den beide Metalle sind hochreaktiv, soll heißen: Brandgefahr. Die Vorteile des Natrium-Ionen-Akkus sind eklatant. Er enthält zwar kein Kochsalz, wie die saloppe Bezeichnung „Salzwasser-Speicher“ vermuten lässt, also kein Natriumchlorid, sondern Natriumsulfat, auch bekannt als Glaubersalz, völlig harmlos (bis auf die abführende Wirkung bei Einnahme). Das Lösungsmittel ist Wasser und nicht z. B. Dimethylcarbonat in der Lithiumzelle. Die Elektroden der Zellen sind einander ähnlich, der sogenannte Separator ist es nicht. Eine Kunststoffmembran beim Lithium, ein Baumwollflies beim Natrium.

Den Natrium-Akku darf man zu 100 Prozent entladen, den mit Lithium beileibe nicht, er geht dabei kaputt. Größter Nachteil der Natriumvariante: Sie speichert pro Liter nur ca. ein Zwanzigstel des Lithiumgerätes; fürs Autofahren ist das eher nix. Sondern für die Speicherung großer Mengen Überschussstrom, wo immer der herkommt. Windräder, Fotovoltaik. Man braucht nur Platz. Ein Gehäuse von 30 mal 30 mal 90 Zentimeter speichert rund 2,5 Kilowattstunden. Bis jetzt ist das Ding noch etwas teurer als die Lithiumvariante, das stromautarke Haus aber in greifbare Nähe gerückt.