Kein Brand ohne Sauerstoff

Wissen / 06.09.2019 • 11:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der größte Regenwald der Erde ist angezündet worden.  reuters
Der größte Regenwald der Erde ist angezündet worden.  reuters

Amazonaswälder in Flammen. Geht uns die Luft aus?

SCHWARZACH Die brennenden Urwälder im Amazonasgebiet erfüllen die meisten Menschen mit Sorge. Das ist jedenfalls der Eindruck, den die westlichen Medien verbreiten. Der Amazonas sei die „Lunge des Planeten“, kann man lesen. Die Wortwahl ist unglücklich, denn ein Wald besteht aus Pflanzen, und die machen im zeitlichen Schnitt genau das Gegenteil einer Lunge. Die verbraucht nämlich Sauerstoff und entlässt Kohlendioxid in die Umgebung, dagegen nimmt die Pflanze Kohlendioxid auf und gibt Sauerstoff ab.

Auf dem Zusammenspiel von Tieren (Lungen) und Pflanzen beruht die Vielfalt des irdischen Lebens. Wenn der Wald verbrennt, entsteht nicht nur zusätzliches CO2, sondern der Sauerstoffproduzent fällt für immer aus. Aus dem Amazonasregenwald sollen immerhin 20 Prozent der Sauerstoffproduktion der Erde stammen.

Was würde eigentlich passieren, wenn überhaupt kein neuer Sauerstoff gebildet würde, nirgendwo auf dieser Welt, nicht an Land und nicht in den Ozeanen? Wenn wir mit dem Sauerstoff auskommen müssten, der schon da ist? Das ist eine ganze Menge. Ein gutes Fünftel der Luft, die uns umgibt, ist reiner Sauerstoff, übrigens ein Giftgas, an das sich das tierische Leben erst in Millionen Jahren angepasst hat.

Fossiler Lebensstil

Im Zeitalter des Carbons, als die Steinkohle entstand, lang vor den Dinosauriern, lag der Sauerstoffanteil der Luft bei über 30 Prozent (hätten wir aber, wie Studien gezeigt haben, problemlos ausgehalten). Die heutigen 21 Prozent sind zusammen 1.2 Trillionen Tonnen Sauerstoff, eine unvorstellbare Zahl. Würde man allen Sauerstoff der Erde in einen Luftballon füllen, hätte der 1160 km Durchmesser, also die Abmessung eines ordentlichen Asteroiden!

Jetzt führen wir unseren fossilen Lebensstil auf Teufel komm raus weiter und verbrennen jedes Jahr rund zehn Milliarden Tonnen Kohlenstoff zu Kohlendioxid. Wie lang würde der vorhandene Sauerstoff dann reichen? Rein rechnerisch 122.000 Jahre. Gegen Ende dieser Zeit würden Öl, Gas und Kohle allerdings nicht mehr besonders gut brennen, abgesehen davon könnten wir schon lange vorher nicht mehr atmen.

Aber wir sind ja nicht nur auf den vorhandenen Sauerstoff angewiesen: Durch die Photosynthese, die Bildung von Biomasse aus Sonnenlicht und Wasser, werden jedes Jahr 300 Milliarden Tonnen Sauerstoff an die Atmosphäre abgegeben. Das ist aber nur ein Viertel-Promille des Vorrates! Dieselbe Menge wird durch Atmung und ähnliche Prozesse wieder verbraucht. Rund die Hälfte der Erzeugung läuft in Landpflanzen, die andere Hälfte durch Mikroorganismen im Meer. Oft übersehen: Auch Pflanzen verbrauchen Sauerstoff, sind also zeitweise „Atmer“, rund die Hälfte bleibt als Sauerstoffüberschuss.

Nicht Sauerstoffverbrauch ist bei den Amazonasbränden das Problem, sondern die Frage: Muss wirklich der größte Regenwald der Erde angezündet werden – für mehr Schnitzel?