Wundermolekül?

Wissen / 11.10.2019 • 17:14 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Neuer Anlauf gegen den Infarkt.

Schwarzach In den letzten Jahren haben sogenannte Biologicals einen wachsenden Einfluss in der Pharmaforschung erlangt. Das sind Stoffe, die mit gentechnischen Methoden hergestellt werden. Dazu verwendet man meistens Mikroorganismen, die man dazu bringt, sehr kompliziert gebaute Arzneistoffe herzustellen. All diese Moleküle sind sehr groß und mit herkömmlichen chemischen, also nicht biologischen Methoden nicht zugänglich. Ob die Biomedikamente alle hochgespannten Erwartungen erfüllen, muss sich erst zeigen, die anderen, kleinen Moleküle sollte man aber noch nicht vergessen.

Trodusquemin

Neuester Beweis ist eines mit dem Namen Trodusquemin. Ja, es stammt auch aus einem Organismus, nämlich dem Dornhai und ist eine Art natürliches Antibiotikum. Trodusquemin gehört zu den Aminosterolen. Der Mittelteil ist ein aus vier Kohlenstoffringen bestehendes Gerüst, das in zahlreichen anderen Stoffen vorkommt, Cholesterin ist das bekannteste Beispiel, daneben verwendet die Natur das Gerüst auch für Sexualhormone, Kröten- und andere Gifte. Sie unterscheiden sich durch die Seitenketten, die am zentralen Bauteil dranhängen. Beim Trodusquemin fällt eine Polyaminseitenkette auf – Polyamine sind biologisch aktive, kleine Moleküle. Man hatte nun schon vor Jahren festgestellt, dass sich mit dem Mittel aus der Haileber Diabetes behandeln lässt, es gab umfangreiche Testreihen mit Patienten, das Mittel wurde gut vertragen. Nachteil: man mus es täglich spritzen. Nun erlebt Trosdusquemin eine Renaissance – das hängt damit zusammen, wofür nun der Dornhai die Substanz braucht. Zuckerprobleme hat er keine, dafür als Raubfisch ein Verletzungsrisiko. Die Substanz bewirkt ganz allgemein die Wiederherstellung verletzten Gewebes – und zwar ohne Narbenbildung. Das konnte bei Fischen nachgewiesen werden, deren Flossen funktionstüchtig nachwuchsen, wenn man ihnen das Mittel spritzte, aber auch bei Mäusen – mit Herzinfarkt. Dabei entsteht im Herzmuskel Narbengewebe, das nicht mehr mitpumpen kann. Eine Behandlung mit Trodusquemin führt zum Abbau des abgestorbenen Muskelteils, der durch neues, intaktes Muskelgewebe ersetzt wird.

Schweineherzen

Gegenwärtig laufen Versuche mit Schweineherzen – bei Erfolg könnten auch menschliche Patienten damit behandelt werden; die klinischen Tests als Diabetesmittel hat die Substanz ja schon hinter sich. Die Aussichten sind gut: Man schließt das aus den Ergebnissen mit den Fischen und den Mäusen. Die liegen in der Geschichte der Evolution Hunderte von Jahrmillionen auseinander; Trodusquemin wirkt bei beide, also auf einer sehr tiefen Ebene beim Zellwachstum.

Und keine Sorge wegen der armen Dornhaie: Das Mittel wird nicht aus ihren Lebern gewonnen, sondern durch chemische Verfahren aus Stigmasterin – und das stammt aus Sojabohnenöl.