„Superintelligenz wird es geben“

Wissen / 01.11.2019 • 16:43 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Für Schädler benötigt Vorarlberg eine eigenständige kreative Forschung, die mit den umliegenden Universitäten vernetzt ist.Verkehrsministerium
Für Schädler benötigt Vorarlberg eine eigenständige kreative Forschung, die mit den umliegenden Universitäten vernetzt ist.Verkehrsministerium

Technologiepolitik prägte Ingolf Schädler. Er erklärt, was die Zukunft bringt und wie Vorarlberg mithalten kann.

Birgit Entner-Gerhold

Wien Der EU-Beitritt war wohl der größte Antrieb für Österreich, sagt der Vorarlberger Ingolf Schädler. Bei den Beitrittsgesprächen saß er für das Kapitel Forschung und Entwicklung am Verhandlungstisch. Die Innovations- und Technologiepolitik der Republik hat Schädler im Bundesdienst mitgeprägt. Für den Standort Vorarlberg sieht er Nachholbedarf. Dass es Superintelligenz geben wird, bezweifelt er nicht: „Die Frage ist, ob sie sich verselbstständigen wird.“

Sie haben Ihre Karriere im Bundeskanzleramt unter Bruno Kreisky gestartet. Wie war Kreisky?

Schädler Ich habe ihn nur von der Weite erlebt, aber er war einfach wie ein Gott. Die ganze Anmutung von Politik war damals anders. Das waren Staatsmänner. Es gab eine viel größere Distanz. Heute herrscht permanent totale Kommunikation. Jede Sekunde. Die Distanzen haben sich völlig verändert.

Die Technologie ist dafür verantwortlich?

Schädler Technologie ist das eine. Aber schauen Sie sich nur den US-Präsidenten an. Donald Trump hat die politische Kommunikation völlig verändert. Er twittert über Weltpolitik. Rituale haben an Wert verloren.

Sie studierten Entwicklungsökonomie. Wie viel davon steckt in Ihrer täglichen Arbeit?

Schädler Ich kam zufällig in die Gründungszeit der Technologiepolitik. Im Kern ist sie Entwicklungspolitik. Denn Technologie ist der moderne Wachstumszugang für entwickelte Volkswirtschaften. Ohne sie geht gar nichts.

Was waren die größten Innovationen oder Fortschritte, die Sie begleiten durften?

Schädler Ich war in die Gespräche zum österreichischen EU-Beitritt involviert und habe das Kapitel Forschung und Entwicklung mitverhandelt. Der EU-Beitritt ist für Österreich in diesem Bereich wohl der größte Boost gewesen. Er hat unglaubliche Veränderungen hervorgebracht, in erster Linie über die Forschungsprogramme der Europäischen Union. Erst nach dem EU-Beitritt wurden in Österreich große strategische Forschungsprogramme initiiert, zum Beispiel das heutige Comet Programm, dessen Ziel die Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft ist.

Was waren damals die Schwerpunkte im Bereich Technologie und Innovation?

Schädler Das erste strategische Programm befasste sich mit der Produktion. Die großen Programme, die es bis heute gibt, finden wir im Bereich der Verkehrstechnologien, also Mobilität. Dabei haben wir sehr früh die Trends zu Batterie und Brennstoffzellen erkannt.

Im Bereich Mobilität wirkte autonomes Fahren lange futuristisch. Jetzt nicht mehr. Wie ist es, in einem fast visionären Bereich tätig zu sein?

Schädler Mich hat immer ein bisschen gestört, dass so oft eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Das war beim autonomen Fahren auch so. Für viele war nicht von Anfang an klar, dass das nur mit einem neuen Energieantriebssystem sinnvoll ist. Einen alten Dieselstinker auf autonom umzustellen, kann nicht die Lösung sein.

Wird die Welt in zehn bis 20 Jahren anders aussehen?

Schädler Ja. Wir müssen Umwelttechnologien radikal vorantreiben. Ich denke, dass Wasserstoff das Potenzial hat, der strategische Energieträger der Zukunft zu werden. Die großen Ölkonzerne oder zum Beispiel Japan wollen sich total in Richtung Wasserstoffökonomie umstellen. Österreich ist in einer guten Situation, weil es darum geht, grünen Wasserstoff zu produzieren. Neben Green Technologies wird die Künstliche Intelligenz das zweite große Thema sein.

Es gibt die Theorie, dass – salopp formuliert – Computer uns bald überholen könnten, dass wir nicht mehr wissen, was im Hintergrund geschieht.

Schädler Es ist teilweise beängstigend. Es wird Superintelligenz entstehen. Die Frage ist, wie wir damit umgehen und ob die Superintelligenz die Möglichkeit hat, sich zu verselbständigen und sich gegen den Menschen zu stellen. Das müssen wir verhindern. Das wäre verrück.

Das ist unvorstellbar.

Schädler Naja. Es wurden im Quantencomputing bereits enorme Durchbrüche erzielt. Radikale Veränderungen stehen an. Damit erhöht sich der Druck auf den Menschen, permanent zu lernen.

Wie beurteilen Sie den Standort Vorarlberg?

Schädler Vorarlberg ist komplex. Es ist auf der einen Seite hochinnovativ. Das Land hat eine superleistungsfähige Wirtschaft. Aber ist Vorarlberg zukunftsfit?
Jein. Vorarlberg muss sich mit ein paar Themen intensiver aus­einandersetzen. Dazu gehört
zum Beispiel die Künstliche Intelligenz und die Produktion, also
Themen wie Robotik oder Automatisierung.

Es braucht mehr öffentliche Finanzierung?

Schädler Und private. Wir bauen mit dem Verkehrsministerium gerade ein internationales Forschungszentrum zur Mikroelektronik auf und denken darüber nach, wie man Vorarlberg am besten anbinden kann.

Braucht es eine Uni?

Schädler Wir brauchen eine eigenständige kreative Forschung, die vernetzt ist mit den umliegenden Universitäten. Vorarlberg muss ein Netzwerkknoten sein. Dafür müssen wir aber massiv in die Fachhochschule investieren und um sie herum Forschung anlagern und stärker ausbauen.

Nach dem Vorbild von V-Research?

Schädler Das gehört integriert.

Das heißt, bestehende Strukturen nutzen.

Schädler Ja. Wir müssen aber auch attraktiver werden. Das Problem in Vorarlberg ist derzeit, die Leute anzuziehen.

Weil viele Studenten nicht mehr zurückkommen?

Schädler Wir haben einen Brain Drain, das ist Tatsache.

Zur Person

Ingolf Schädler

Berater im Verkehrsministerium, Träger des Verdienstzeichens des Landes Vorarlberg

Geboren 26. Juli 1953

Ausbildung HAK Bregenz, Wirtschaftsstudium in Wien, Stipendiat an der Johns Hopkins University, Studium der internationalen Politik in Bologna

Laufbahn u.a. Leiter des Referats für Internationale Technologiepolitik im Bundeskanzleramt, Leiter des Bereichs Innovation und Technologie im Verkehrsministerium, Vorsitz der EU-Joint Programming Initiative Urban Europa, Aufsichtsrat des Austrian Institute of Technology, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Galileo-Behörde zum Aufbau des europäischen Satellitennavigationssystems, jetzt Berater im Verkehrsressort

Hobbys Skifahren, Laufen, Weitwandern