Zahlenspiele zum Stromverbrauch

Wissen / 17.11.2019 • 11:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Jede noch so absurde Steigerung des Stromverbrauchs lässt sich leicht abdecken, wenn wir ein Atomkraftwerkt bauen. DPA

Soll uns Statistik ins Bockshorn jagen?

Schwarzach Vor Kurzem schockierte eine Prognose: Wenn Österreich bis 2030 tatsächlich nur CO2-freien Strom verbrauchen soll, dann müssten alle drei Minuten eine 5-KW-Photovoltaikanlage, jeden zweiten Tag ein neues Windrad, alle zwei Jahre ein neues Wasserkraftwerk gebaut werden – zehn Jahre lang! Nur dann könne man die 30 Terawattstunden (TWh)zusätzlichen Strombedarf abdecken. Bei solchen Aussagen fragt man sich, welche irrealer ist als die andere! Alle drei Minuten 5 KW, das sind 100 KW pro Stunde, in zehn Jahren 876.000 Kilowatt installierte Leistung. Kurze Nachrechnung ergibt, dass diese 175.000 Solaranlagen nur einen Bruchteil der geforderten 30 TWh erzeugen würden – selbst wenn die Sonne 24 Stunden schiene, wäre es nur ein Viertel. Wind und Wasserkraft müssten also den Großteil aufbringen. Das Donaukraftwerk Freudenau erzeugt etwa eine Terawattstunde pro Jahr, baut man alle zwei Jahre so ein Kraftwerk, brächten die bescheidene 5 TWh. Vielleicht liefert der Wind den Löwenanteil? Jeden zweiten Tag ein neues Windrad – das sind in zehn Jahren rund 1800 Windturbinen.

Österreich ist als Binnenland kein Starkwindgebiet, nehmen wir den für unser Land geeigneten Typ Nordex 117/2400 als Referenz, so würden diese Turbinen rund 18 Terawattstunden erzeugen, also etwas mehr als die Hälfte der geforderten Menge. Nun ist es klar, dass unsere Regierung nicht die Mittel haben wird, jeden zweiten Tag ein Windrad aufzustellen. Die kosten nämlich zusammen rund 6 Milliarden Euro. Da sind die 175.000 Solaranlagen mit rund 800 Millionen Euro Investitionskosten fast schon preiswert . . . Die grundlegende Frage lautet allerdings: Woher kommen eigentlich die 30 zusätzlichen Terawattstunden? Unser Stromverbrauch liegt bei rund 63 TWh, in gut zehn Jahren, so die Annahme, läge der Stromverbrauch also rund die Hälfte höher als heute. Liegt das an den E-Autos? Wenn man für 2030 fünf Millionen Autos annimmt, die alle mit Strom fahren, würden sie 13 TWh verbrauchen, sagt eine Studie.

Die Annahme ist natürlich irrwitzig, wir werden in zehn Jahren nicht alle elektrisch Auto fahren. Vielleicht die Hälfte? Dann sind das nur noch 6.5 TWh Zusatzbedarf, ein Fünftel von den ominösen 30. Bleibt zur Erklärung der restlichen 23.5 TWh nur das allgemeine Wirtschaftswachstum – das entgegen den Erfahrungen der vergangenen Jahre starr mit dem Stromverbrauch gekoppelt sein müsste: 4.1% pro Jahr. Seit 2000 wuchs die Wirtschaft aber nur um 1.55% pro Jahr. Wie soll das also gehen? – Welches Interesse steckt hinter solchen „Hoch“-Rechnungen? Klar: Jede noch so absurde Steigerung des Stromverbrauchs lässt sich leicht abdecken, wenn wir ein Atomkraftwerkt bauen. Oder zwei, drei . . . Christian Mähr