„Wohlfühl-Aminosäure“

Wissen / 22.11.2019 • 10:44 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Wer dem Körper unbedingt mehr Tryptophan zuführen will, der esse Sojabohnen, die enthalten 450 Milligramm pro hundert Gramm.Reuters
Wer dem Körper unbedingt mehr Tryptophan zuführen will, der esse Sojabohnen, die enthalten 450 Milligramm pro hundert Gramm.Reuters

Viel Tryptophan im Winter nötig?

Schwarzach Wenn die Tage kürzer werden, füllt sich der Blätterwald mit Warnungen vor der bösen Winterdepression und Ratschlägen zur Verhinderung derselben, ganz so als seien wir alle erst vor ein paar Jahren aus den Tropen hierher gezogen und noch nicht an die Jahreszeiten gewöhnt. Der Umzug aus Afrika ist allerdings schon ein paar Hunderttausend Jährchen her; inzwischen hat uns die Evolution sogar die Hautfarbe geändert – damit mehr Licht ins Gewebe kommt und ausreichend Vitamin D produziert wird. Damit die Knochen nicht so leicht brechen.

Fehlt das Licht, mangelt es an Vitamin D, das aus Vorläufern mit Sonnenlicht hergestellt wird. Außerdem, so liest man, führt Lichtmangel über Netzhaut, Hirn und Zirbeldrüse zu vermehrter Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin – zu viel davon macht depressiv, heißt es. Interessant: Buchstäblich in der Zeitungsspalte daneben heißt es über die Aminosäure Tryptophan, sie sei Grundstoff für das erwähnte Melatonin, das „guten Schlaf begünstigt – und wer gut schläft, hat bessere Laune“.

Wie oder was?

Was denn jetzt? Tryptophan gut, Melatonin schlecht, oder umgekehrt oder wie oder was? – Mit solchem Geschwurbel über die böse Winterzeit lässt sich gut Spalten füllen. Fakt ist: Tryptophan ist eine essenzielle Aminosäure, wir müssen sie mit der Nahrung aufnehmen, der Körper kann sie nicht aus anderen Stoffen selber herstellen. Fakt weiterhin: Aus Tryptophan wird Serotonin hergestellt, das „Wohlfühlhormon“, allerdings nur zu 3%. Der Rest wird in andere Stoffe umgewandelt oder in Proteine eingebaut, sozusagen in Fleisch und Blut. Damit Tryptophan überhaupt ins Hirn gelangt, muss es die Blut-Hirn-Schranke überwinden, an der stehen aber fünf andere Aminosäuren an. Und jetzt kommt’s: Ausgerechnet ein hoher Insulinspiegel verschafft dem Tryptophan einen Vorteil beim Transport ins Hirn, weil die fünf Konkurrenten dann bevorzugt in Muskeln eingebaut werden – also zu Schweinsbraten (Tryptophanquelle) viel Kohlehydrate (Kartoffelknödel), das erhöht das Insulin und damit Tryptophan im Hirn … wie bitte? Viele Kohlehydrate, am besten Weißmehl, führen zu Übergewicht mit allen Folgekrankheiten, z. B. Diabetes. Am Insulinspiegel sollten wir nicht herummanipulieren. – Außerdem unterliegt der Tryptophanstoffwechsel vielen biochemischen Regelungen mit zahlreichen Enzymen; die Natur scheint hier eine allzu großzügige Serotoninproduktion zu verhindern – wegen Suchtgefahr? – Wer dem Körper unbedingt mehr Tryptophan zuführen will, der esse Sojabohnen, die enthalten 450 Milligramm pro hundert Gramm und führen die Liste an, Schweinernes 300 Milligramm, die oft empfohlenen Bananen allerdings nur 18. Statt Schweinsschnitzel (150 Gramm) also zweieinhalb Kilo Bananen. Wer’s mag . . .