Das gefährlichste Buch

Wissen / 20.12.2019 • 16:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Johann Wolfgang von Goethe hielt viel von der Bibel. Am meisten beschäftigte ihn die Zwiespältigkeit. Einmal schrieb er: „Das gefährlichste aller Bücher in weltgeschichtlicher Hinsicht, wenn durchaus einmal von Gefährlichkeit die Rede sein sollte, ist doch wohl unstreitig die Bibel, weil wohl leicht kein anderes Buch so viel Gutes und Böses im Menschengeschlechte zur Entwicklung gebracht hat.“ Ein andermal schrieb er: „Ich bin überzeugt, dass die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versteht, das heißt, je mehr man einsieht und anschaut, dass jedes Wort, das wir allgemein auffassen … individuellen Bezug gehabt hat.“ Von allen anderen religiösen Schriften hielt Goethe wenig. Im Vergleich zur Bibel erschienen sie ihm langweilig.

Die Bibel wird heute kaum noch gelesen. Das ist schade, denn viele Schriftsteller, auch agnostische und atheistische, halten die Bibel für das kraftvollste literarische Werk der Geschichte. Kein anderes Buch kann es an Wortgewalt, Inhalt und Visionen mit der Bibel aufnehmen. Die Bibel ist ein Sammelband aus vielen Berichten, die zu verschiedenen Zeiten geschrieben wurden. Wäre ich Religionslehrer, ich würde die Hälfte der Unterrichtszeit mit dem Lesen von Bibeltexten verbringen. Wer meint, das sei gähnend langweilig, täuscht sich.

Mordgeschichten

Die Bibel ist ein Buch der Menschen, und dazu zählen Propheten (Elias), Alkoholiker (Noah), königliche Mörder (David), steinreiche Frauenliebhaber (Salomon), korrupte Gauner (Zöllner), mitleidvolle Menschen (Samariter), Verräter (Judas) und viele andere. Nicht alle Stellen dürfen wir wörtlich nehmen, denn es sind auch Irrtümer enthalten, wie etwa die Reihenfolge der Erschaffung der Dinge. Zuerst sind die Pflanzen erschienen, einen Tag danach erst die Sonne. Die Mordgeschichten sind heftig. In den Büchern der Makkabäer findet man gewalttätige Erzählungen ohne Ende. Man muss nicht suchen, weil auf fast jeder Seite Menschen umgebracht werden.

An anderer Stelle (Buch Judith) heißt es: „Dann ging sie zum Bettpfosten … und nahm von dort sein Schwert herab. Sie ergriff sein Haar und … schlug zweimal mit ihrer ganzen Kraft auf seinen Nacken und hieb ihm den Kopf ab. … kurz danach ging sie hinaus und übergab den Kopf des Holofernes an ihre Dienerin, die ihn in einen Sack steckte.“

Friede den Menschen

Als ich noch Schüler war, las ich nicht nur Karl May, sondern auch Robert Louis Stevenson, James Fenimore Cooper, Jules Verne und andere. Ich las auch die Bibel. Ich weiß nicht mehr genau, welche Kapitel mir gut gefallen haben und welche ich abstoßend empfand.

Ein Satz aus dem Weihnachtsevangelium nach Lukas hat sich indes für immer bei mir eingenistet: „Und Friede den Menschen auf Erden.“

„Kein anderes Buch kann es an Wortgewalt, Inhalt und Visionen mit der Bibel aufnehmen.“

Rudolf Öller

rudolf.oeller@vobs.at

Mag. Dr. Rudolf Öller ist
Biologe und Lehrbeauftragter
des Roten Kreuzes.